Eure Geschichten

Cup­ca­kes von Alas­ka, Teil 4

Kirschcupcakes

Zickereien

Es vergingen nun etwa zwei Wochen. Während dieser Zeit hing ich viel mit Alaska und Tine ab. Wir hatten immer mehr Spaß zusammen, sodass auch Alaska langsam aufblühte, wenn wir zu dritt waren. Mit Jule, Martha und Lisa verstand ich mich hingegen weniger. Wir warfen uns häufig böse Blicke zu, vor allem Jule. Martha und ich gerieten immer öfter aneinander, wir zickten uns meistens vor dem Unterricht an. Sie warf mir jedes Mal vor, ich wolle immer im Mittelpunkt stehen, ich bezeichnete sie als untreu und als Lügnerin. Aber manchmal, wenn ich später zuhause in meinem Zimmer saß, fragte ich mich, ob ich wirklich so eingebildet war, wie Martha sagte. Ich erinnerte mich, dass ich früher immer mehr als Jule, Martha und Tine geredet hatte, wenn wir miteinander quatschten. Ich glaube, manchmal habe ich den anderen sogar das Wort abgeschnitten, wenn ich fand, dass sie jetzt genug Aufmerksamkeit gehabt hatten. Und oft, wenn jemand mit Alaska redete, antwortete ich für sie. Ich fragte mich, ob ich mir vielleicht nur einredete, dass ich ihr half, aber unbewusst einfach nach Aufmerksamkeit suchte. Natürlich gestand ich diese Gedanken vor Martha nicht ein.
Eines Tages stritten wir zwei uns jedoch heftiger als sonst. Das war in der Pause, als ich mit Alaska und Tine nach einer Bank zum Sitzen suchte. Dabei kamen wir an Jule, Martha und Lisa vorbei,die schon einen Sitzplatz gefunden hatten, und ich funkelte sie wie üblich wütend an.
„Guck doch nicht immer so blöd, wenn du uns siehst. So langsam solltest du doch mal darüber hinweg sein, dass du nicht gut genug für uns bist“, ätzte Martha daraufhin.
Ich ließ mir nicht anmerken, dass mich diese Aussage ziemlich traurig machte und antwortete stattdessen: „Sorry, aber wenn ich so nervige Leute wie euch sehe, kann ich einfach nicht anders.“
„Ach, jetzt tu doch nicht so, als würdest du uns hassen. Jeder weiß, dass du einfach nur neidisch bist, dass Lisa jetzt dabei ist. Wenn sie weg wäre und du wieder dabei wärst, würden wir sofort wieder deine besten Freundinnen sein. Du trägst doch sogar jetzt noch unseren Pferdeschwanz.“
Es stimmte, dass ich noch immer unsere „gemeinsame“ Frisur trug, teilweise aus Gewohnheit, teilweise aber auch, weil er mich an die schöne Zeit mit der Clique erinnerte. Oh, und offensichtlich dachte Martha genau wie Tine, wir wären Freundinnen gewesen. Aber da täuschte sie sich, sodass ich lässig erwidern konnte: „Wir waren nie Freundinnen. Du und Jule, ihr wart schon damals total falsch.“
Aus irgendeinem Grund schien das Martha ziemlich wütend zu machen, denn nun sprang sie mit gerötetem Gesicht auf und schrie: „Die einzige, die hier falsch ist, bist du, Janna! Wie du eben zugegeben hast, hast du nie eine von uns gemocht, bestimmt nicht mal Tine! Dir ging es nur darum, immer ganz viel Aufmerksamkeit von uns zu bekommen, weil du so selbstverliebt bist! Und jetzt hast du uns auch noch Tine weggenommen!“
Alaska und Tine, die übrigens auch noch den Pfedeschwanz trug, waren bisher als einzige unserem Streit gefolgt. Aber nun, da es zu Geschrei kam, fanden sich weitere Neugierige ein.
Nun wurde ich auch wütend: „Ich habe euch Tine nicht weggenommen! Sie war die einzige Vernünftige von euch dreien und hat kapiert, was für gemeine Leute ihr und Lisa wirklich seid!“
Wir brüllten uns weiterhin an, aber eigentlich wiederholten wir uns dabei ständig. Martha erklärte wie üblich, dass ich immer in den Mittelpunkt wolle, und ich beleidigte sie, Jule und Lisa sehr oft als „falsch“. Irgendwann griff jedoch die Pausenaufsicht ein und trennte uns.

Mobbing

Am nächsten Tag wurde die Schule schrecklich. Jedoch merkwürdigerweise nicht für mich, sondern für Alaska. Zunächst wurde sie „nur“ von der Clique als dumm bezeichnet, weil sie mit mir befreundet war. Außerdem machte Jule Witze darüber, dass Alaska etwas übergewichtig war. Das bedrückte mich, denn mir tat Alaska natürlich leid. Sie hatte mir doch erst neulich erzählt, dass sie schon an ihrer alten Schule nicht besonders beliebt gewesen war. Aber ich fand es auch schlimm, dass Martha und vor allem Jule sich so gemein verhielten. Auch wenn ich es vor Martha gestern nicht zugegeben hatte, mochte ich sie und Jule eigentlich immer noch.
„Echt, Alaska, wenn du mit ihr befreundet bist“, Jule zeigte auf mich, während sie mit den anderen zwei Mädels um den Tisch von Alaska und mir herumstand, „dann bist du entweder sehr unterwürfig... oder einfach nicht sehr klug.“
Sie und Martha gackerten gemeinsam. Nur Lisa meinte: „Ach, lasst sie doch.“
War ja klar! Lisa musste sich mal wieder als das supernette Mädchen aufspielen, dabei log sie ganz sicher und freute sich insgeheim darüber, dass es Alaska jetzt schlecht ging. Zum Glück klingelte es nun zum Unterricht.

In der Pause ging das ganze jedoch weiter. Zuerst setzten Alaska, Tine und ich uns einfach auf eine Bank und Alaska holte drei Kirschcupcakes aus ihrer Tasche. Das freute mich natürlich, denn ich hatte schon seit einiger Zeit keine Cupcakes mehr von ihr gegessen. Doch plötzlich tauchte die Clique auf und umringte unsere Bank.
„Kein Wunder, dass du so aussiehst, wenn du immer so viel Süßes isst“, kicherte Jule.
Alaska blickte stumm auf ihre drei Cupcakes, die sie gerade hatte austeilen wollen.
„Was ist, kannst du mal wieder nicht sprechen?“, frotzelte nun eine Jungenstimme, die ganz sicher nicht von der Clique stammte. Ich sah erschrocken, dass sich noch ein paar weitere meiner Klassenkameraden zu Jule, Martha und Lisa gesellt hatten.
„Seid doch einfach still“, Tine sah die Gruppe wütend an.
„Genau, Alaska kann essen was sie will, und es interessiert niemanden außer euch, wie sie deshalb aussieht“, pflichtete ich ihr bei.
Doch natürlich ließen sich die anderen davon nicht einschüchtern.
„Wie gesagt- sie sollte lieber nicht so viel essen!“, mit diesen Worten riss Jule Alaska ihre Cupcakes aus der Hand und warf sie auf den Boden. Ein Junge trat sofort darauf und zemalmte die drei Gebäckstücke mit seinem Schuh. Nun war auf dem Boden ein Matsch aus hellem Teig, rosafarbener Creme und Kirschen.
Als ich daraufhin zu Alaska sah, konnte ich deutlich erkennen, wie ihre Unterlippe zu zittern begann. Dann sprang sie von der Bank auf und rannte zwischen unseren Klassenkameraden, die erschrocken vor ihr zurückwichen, hindurch und auf das Schulgebäude zu. Ich stand ebenfalls auf und lief ihr nach, denn ich konnte sie jetzt nicht einfach allein lassen. Tine folgte uns nicht, ich konnte aber noch hören, wie sie die Clique und die Anderen anschrie.

Ich sah, wie Alaska die Tür zum Schulhaus aufriss, hinein rannte und zu den Toiletten stürmte. Dort schloss sie sich in einer Kabine ein.
„Alaska? Ich bin es, Janna“, sagte ich zu ihr, während ich an der Tür ihrer Toilettenkabine klopfte. Ich hörte ein Klicken und sah, dass Alaska die Tür aufgeschlossen hatte und nun einen Spalt breit öffnete. Ich sah ihr verweintes Gesicht, als sie sagte: „Ich... ich würde jetzt gern allein sein. Ich möchte jetzt nicht reden.“
„Okay“, seufzte ich, schenkte ihr ein trauriges Lächeln, dass mein Mitgefühl ausdrücken sollte, und wandte mich zum Gehen um.
Da fiel mir noch etwas ein, ich sah sie noch einmal an und meinte: „Mach dir keine Sorgen. Die Anderen hören bestimmt damit auf.“
Leider stimmte das nicht. An diesem Tag sagten die Clique und die Mitläufer zwar nichts mehr zu Alaska, aber am nächsten Tag beleidigten sie meine Freundin wieder. Es waren zwar weniger blöde Worte als gestern, und es wurde auch nicht mehr getan als das Beleidigen, aber ich konnte sehen, wie sehr die Anderen Alaska zusetzten. Sie kauerte zusammengesunken auf ihrem Stuhl und starrte betrübt auf den Tisch, und in den Pausen war sie wieder sehr schweigsam.

Alaskas Vergangenheit

Als Alaska und ich jedoch von der Schule nach Hause gingen, sprach sie mich an und fragte, ob wir in den nahegelegen Park gehen wollten, denn sie wolle mir etwas erzählen. Ich stimmte natürlich zu, und so liefen wir nebeneinander zu unserem Stadtpark. Alaska suchte uns dort ein ruhiges und abgelegenes Plätzchen. Sie entschied sich für einen großen, schattenspendenden Baum, bei dem sich gerade niemand außer uns aufhielt. Dort setzten wir uns ins Gras. Während ich mich einfach auf dem Boden platzierte, hockte Alaska sich hin. Wahrscheinlich wollte sie ihre Jeans nicht dreckig machen.
„Also“, platzte sie dann hervor, „was sind deine Lieblings-Cupcakes?“
Obwohl ich mir schon dachte, dass sie eigentlich etwas anderes hatte fragen wollen, antwortete ich: „Schokocupcakes, würde ich sagen.“
Sie nickte und schien weitersprechen zu wollen, doch anscheinend traute sie sich nicht. Weil ich schon so eine Ahnung hatte, was sie vielleicht erzählen wollte, fragte ich: „Du wurdest an deiner alten Schule gemobbt, oder?“
Das hatte ich daraus geschlossen, dass sie erzählt hatte, sie sei dort nicht so beliebt gewesen. Außerdem wirkte sie sehr traurig über die fiesem Bemerkungen von einigen unserer Mitschüler. Natürlich würde es jedem so gehen, der plötzlich von anderen beleidigt wurde. Aber Alaska wirkte so sehr betrübt, dass ich glaubte, sie hätte so etwas schon mal erlebt. Außerdem hatte sie niemanden aus ihrer alten Schule zu ihrem Geburstag einladen wollen.
Sie schluckte kurz, dann nickte sie und begann zu erzählen: „Also, das fing letztes Schuljahr an. Ich hatte zu meinem Geburtstag Cupcakes gebacken und in der Schule verteilt. Ich glaube, bis auf meine Freundinnen wusste bis dahin niemand, dass ich gern backe. Die restlichen Mitschüler haben es dann halt erst an meinem Geburtstag erfahren. Am nächsten Montag fragte mich ein Mädchen aus meiner Klasse, mit dem ich mich eigentlich gut verstand, ob ich immer viel von meinem Gebackenen essen würde. Ich erinnere mich noch genau daran und auch daran, wie ich ihr dann grinsend geantwortet habe: 'Wenn es lecker aussieht, mache ich es.'
Daraufhin meinte eine Freundin von dem Mädchen, dass es dann ja ziemlich oft lecker aussieht. Darüber haben sie beide gelacht und mich mit ähnlichen Sprüchen jeden Tag aufgezogen. Ich war damals schon schüchtern und habe deshalb nie mehr etwas dazu gesagt. Aber dann machte meine Freundin Mina mit, und das hat mich schon ziemlich getroffen. Ich hab mich dann damit getröstet, dass ich mit Mina nicht so viel zu tun gehabt hatte, denn ich wurde damals zwar von den meisten meiner Mitschüler gemocht, aber ich war nicht so beliebt wie Mina. Dass Mina beliebt war, hat dann aber ein anderes Problem mitgebracht: Es haben immer mehr mitgemacht, weil sie mit Mina befreundet sein wollten. Und irgendwann war das dann kein lustiges Aufziehen mehr, sondern sie meinten ihre Beleidigungen richtig ernst. Sie haben dann auch mehr gesagt und getan, als sich nur über mein Hobby Backen lustig zu machen. Niemand mochte mich mehr in der Klasse, selbst meine anderen Freundinnen nicht mehr. Ich glaube, anfangs haben sie einfach bei den Mobbern mitgemacht, weil sie Angst hatten, selbst gemobbt zu werden. Aber mit der Zeit hat es ihnen auch Spaß gemacht, dass habe ich gesehen. Ich habe mich lange nicht getraut, meinen Eltern davon zu erzählen, aber irgendwann habe ich es doch getan. Das war zum Ende das Schuljahres, meine Eltern haben beschlossen, dass ich die letzten Tage noch zur Schule gehe, ich aber danach auf eine neue Schule komme. Wir sind deshalb, aber auch, weil Mama ihren Arbeitsplatz so besser erreichen konnte, umgezogen. Aber erst zum Ende der Ferien, denn davor haben wir einen schönen, langen Urlaub bei meinen Großeltern verbracht. Ich hatte erst Angst vor der neuen Schule, aber es gab dann Tine und dich. Ihr wart so nett zu mir! Ich dachte, jetzt wird es besser, aber jetzt fängt das alles wieder an. Manchmal frage mich... also, findest du nicht auch, dass ich irgendwie schlecht bin?“
Alaska hatte schon wieder zu weinen begonnen, weshalb ich zu ihr herüber rutschte und tröstend den Arm um sie legte. Dann antwortete ich: „Du bist nicht schlecht, du bist super! Du bist eine tolle Freundin und total nett, das ist das was zählt, und das weißt du auch. Die Kinder in deiner alten Klasse sind einfach total oberflächlich und wissen nicht, was in dir steckt. Und meine alte Clique ärgert dich nur, weil sie sauer auf uns drei sind. Tine hat sie verlassen, ich habe sie beleidigt und du bist mit uns befreundet. Wahrscheinlich gehen sie nur auf dich los, weil du am angreifbarsten bist. Aber lass dich nicht davon einschüchtern, denn du hast Tine und mich.“
Alaska lächelte nun ein bisschen und meinte: „Das hast du schön gesagt.“
Ich grinste sie an und sagte: „Aber irgendwie bist du doch noch stark geblieben, oder? Du backst schließlich immer noch Cupcakes, obwohl sie streng genommen das Mobbing ausgelöst haben.“
Alaska nickte und erklärte: „Ja, ich habe immer versucht, mir damit zu sagen, dass ich stark bleiben muss.“
Ich lächelte und sagte: „Aber wenn du Hilfe brauchst, kannst du es ruhig sagen und musst nicht 'stark' bleiben. Das hast du in deiner alten Schule ja schon gemacht. Und jetzt hast du auch Tine und mich. Ich freue mich übrigens schon auf deine Geburtstagparty!“
Alaska wirkte nun wieder etwas glücklicher, und so standen wir auf und verließen gemeinsam den Park.

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Eure Kommentare

Deine Geschichte ist einfach so toll! Ich finde es auch sehr gut, dass du das Thema Mobbing aufnimmst.
Danke Es werden noch einige Dinge passieren  
Profilbild von Gast
Weiter so! Bin gepsannt was noch alles passiert :O