Der Kinderreport 2021: Mediensucht und exzessive Mediennutzung

Weitere Absätze

Neben Medien wie dem Radio, Fernseher und Computer sind Smartphones oder Tablets inzwischen weitverbreitet. Besonders diese digitalen Medien sind Teil der Lebens-, Ausbildungs- und Arbeitswelt vieler Kinder und Erwachsener. Die Unterscheidung zwischen alltäglichen Mediennutzungsgewohnheiten und Medienabhängigkeit fällt daher nicht leicht und lässt sich nicht nur an der Dauer von Nutzungszeiten festmachen.

Was verstehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene unter Mediensucht? 

Wir greifen auf Medien zurück, um mit Freunden und der Familie in Kontakt zu bleiben, um kollaborativ zu arbeiten, zu lernen, in der Freizeit zu spielen und zu entspannen. Doch ab wann ist die Nutzung exzessiv? Kinder und Erwachsene beantworten diese Frage im Kinderreport 2021 erstaunlich ähnlich. Das wichtigste Erkennungsmerkmal für einen ungesunden Umgang mit Medien ist für die befragten Kinder, Jugendliche und Erwachsenen der Kontrollverlust, das heißt die Person verwendet Medien, obwohl sie dies eigentlich nicht möchte. Sobald andere Lebensbereiche vernachlässigt werden, die Person sich vor Familie und Freunden zurückzieht oder ohne die Mediennutzung nervös und unzufrieden ist, sprechen sowohl Kinder als auch Erwachsene von Mediensucht. 64 Prozent der Kinder und Jugendlichen und 57 Prozent der Erwachsenen stimmen zu, dass die Nutzung eines Mediums für mehrere Stunden am Tag auf eine Mediensucht hindeutet. So eine lange Nutzungsdauer ist aber nicht für alle ein Erkennungsmerkmal, von den 18- bis 29-Jährigen stimmen dieser Aussage sogar nur 33 Prozent zu, was einen Generationenwandel im Verständnis von Mediensucht andeutet.

Wie verbreitet ist Mediensucht? 

Laut dem Kinderreport des Deutschen Kinderhilfswerkes hat die Hälfte aller Kinder schon Erfahrung mit Mediensucht in ihrem persönlichen Umfeld gemacht – entweder bei sich selbst oder bei anderen. Während nur 6 Prozent der Erwachsenen angeben, Erfahrung mit exzessiver Mediennutzung und Mediensucht bei sich selbst gemacht zu haben, liegt der Anteil bei Kindern zwischen 10 und 17 Jahren bei 12 Prozent. Betroffene Kinder und Jugendliche finden sich sowohl in den westlichen als auch in den östlichen Bundesländern, bei Jungen wie Mädchen und in allen Schultypen. Eine leichte Tendenz zu häufigeren Erfahrungen mit Medienabhängigkeit lässt sich mit wachsender Ortsgröße, aus der die Kinder kommen, erkennen.

Mediennutzung aus kinderrechtlicher Perspektive 

Eine kinderrechtliche Perspektive verdeutlicht noch einmal, wie stark Medien auf jeder Ebene unseres Alltags vertreten sind. Denn um einen gesunden Umgang mit Medien und eine kindgerechte Nutzung zu gewährleisten, müssen eine Vielzahl von Kinderrechten aus der UN-Kinderrechtskonvention berücksichtigt werden. Grundsätzlich haben Kinder und Jugendliche ein Recht auf den Zugang zu Medien (Artikel 17). Außerdem haben sie das Recht auf Bildung (Art. 28), auf Teilhabe (Art. 12), auf Meinungs- und Informationsfreiheit (Art. 13) und auf Erholung (Art. 31). Um diese Rechte in vollem Umfang zu garantieren, braucht es eine lebendige Kinder- und Jugendmedienkultur. Zum anderen müssen Kinder und Jugendliche vor Gefahren geschützt werden – auch im Umgang mit Medien. Wichtige Aspekte sind hier der Schutz der Privatsphäre (Art. 16), der Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung (Art. 32), sexuellem Missbrauch (Art. 34) oder vor Suchtstoffen (Art. 33). Die besondere Schwierigkeit einer gesunden Mediennutzung und deren Vermittlung liegt also darin, gleichermaßen die Rechte als auch die Schutzbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen. 

Das Politikforschungsinstitut Kantar Public hat im Januar 2021 im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes die Befragung von 669 Kindern und Jugendlichen (im Altern zwischen 10 und 17 Jahren) und 1.023 Erwachsenen (ab 18 Jahre) durchgeführt. Den gesamten Kinderreport Deutschland 2021 finden Sie unter diesem Link, eine Zusammenfassung finden Sie hier.

Welche Maßnahmen sind im Umgang mit Mediensucht sinnvoll?

Um der Gefahr durch Mediensucht präventiv und behandelnd zu begegnen, schlägt die Forschung verschiedene Maßnahmen vor. Neben der fachlichen Beurteilung zur Wirksamkeit der Methoden ist jedoch ebenso die Akzeptanz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen notwendig. Beispielsweise sprechen sich 84 Prozent der Kinder und Jugendlichen dafür aus, dass Medien, die süchtig machen können, entsprechend gekennzeichnet werden. Außerdem hält es die überwiegende Mehrheit der Kinder (90 Prozent) es für sinnvoll, das Thema Mediensucht an Schulen zu behandeln. Ebenso unterstützen Kinder und Jugendliche Maßnahmen wie Altersgrenzen, Informationen für Eltern und kostenfreien Beratungs- und Behandlungsangebote. Medien oder U14-Handyverbote lehnen dagegen die meisten Kinder und Jugendlichen ab.

Um das Risiko durch exzessive Mediennutzung zu senken und die Fälle von Medienabhängigkeit zu verringern, sehen die Befragten mit großer Mehrheit die Familie und die Eltern in der Verantwortung. Zudem sehen alle Befragten sowohl die Nutzerinnen und Nutzer selbst als auch die Anbieter von Medienangeboten in der Pflicht. Auf große Zustimmung und Akzeptanz stößt auch die Idee, dass öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Jugend- und Freizeiteinrichtungen sich vermehrt des Themas annehmen. Erst durch ein richtiges Heranführen können Kinder und Jugendliche die Chancen und Risiken durch Medien kennen und abwägen lernen und verantwortungsbewusst damit umgehen. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen einen selbstbestimmen, kreativen und kritischen Umgang mit Medien zu vermitteln.

Wie kann man aktiv werden? 

Die Ergebnisse zeigen: Das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen ist hoch. Deswegen fordert das Kinderhilfswerk, dass Medienbildung Teil der frühkindlichen und schulischen Bildung sein sollte, um Kindern und Jugendlichen einen handlungsorientierten und kritischen Blick auf Medien und den digitalen Raum zu ermöglichen. Dafür braucht es eine Verankerung in Curricula und Bildungsplänen, eine Qualifizierung des Personals von der Ausbildung an und eine nachhaltig finanzierte Ausstattung. Wichtig ist außerdem ein flächendeckendes Netz an Einrichtungen, die Informationen, präventive Beratung, Hilfe und ggf. eine Therapie anbieten können. Aktionstage, Elternabende oder Versammlungen der Kollegien bieten sich an, um Wissen zu erlangen oder weiterzugeben, um sich mit Fachkräften zu vernetzen und ihre Angebote bekannt zu machen. Darüber hinaus sollten Anbieter beispielsweise auf Risiken hinweisen, suchtfördernde Mechanismen vermeiden, technische (Selbst-)Schutzlösungen anbieten und Kinder und Jugendliche in die Gestaltung ihrer Projekte einbeziehen. 

Auf kindersache.de können sich Kinder und Jugendliche zum Thema “Mediensucht und exzessive Mediennutzung” informieren. Sie finden dort u.a. ein Interview mit der Beratungsstelle “Lost in Space” oder einen Artikel darüber, wie sich Kinder das Internet wünschen.

Thema des Monats Mai: Sind wir alle mediensüchtig?

Kinder und Jugendliche können sich anonym im Internet beraten lassen, wenn sie bei sich oder in ihrem Umfeld Probleme mit Mediensucht vermuten:

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.