Community-Geschichte: Schleswig-Holstein
Auf nach Schlesweg-Holstein
Also gut, dachte ich. Da fuhr das Fahrrad auch schon los. Das Licht blendete und ich musste die Augen zusammenkneifen. Also versuchte ich mich stattdessen auf die Geräusche zu konzentrieren: Möwen kreischten, Wind rauschte. Oder war das Wasser? Vielleicht auch beides? Ich roch etwas Salziges und Modriges. Doch dann schlich sich ein süßer, angenehmer Duft dazu. Das roch wie...
"Ah!" Ich schrie überrascht auf, als das Fahrrad plötzlich unsanft landete. Ich stieg vom Sattel. Unter meinen Füßen spürte ich Straßenasphalt.
"Wo sind wir? ", fragte ich das Fahrrad, während ich versuchte, mich zwischen den Häusern zu orientieren. Fröhlich klingelte es zurück. "Versuch doch, es zu erraten!"
Ich ließ meinen Blick langsam über meine Schulter hinweg schweifen. Möwen zogen über den blauen Himmel. Als ich über meine Schulter nach hinten guckte, blitzte Wasser zwischen den Häusern auf. Dort musste ein Fluss sein.
Ich versuchte mich an die Karte auf meinem Schreibtisch zu erinnern. Da lag doch im Norden....
"Kiel? In Schleswig-Holstein?", fragte ich.
"Richtig!" Das Fahrrad klingelte bestätigend dreimal. "Sehr gut! Hast du Lust, dir die Stadt anzusehen?"
"Natürlich, wenn wir schon hier sind." Ich nahm den Lenker in die Hände. Da bemerkte ich wieder den süßen Duft.
Der Geruch nach Zuckerwatte
"Was ist das?", fragte ich.
"Ich gebe dir einen Tipp", sagte das Fahrrad. "Fahr zum Wasser."
Gespannt stieg ich zurück auf den Sattel und fuhr los in Richtung des grauen Bandes zwischen den Häusern, das der Fluss sein musste.
Kurz darauf fuhr ich im Schritttempo am Fluss entlang – die Kieler Förde, wie das Fahrrad mir erklärte. Auf der Kaimauer saßen Möwen und auf dem Wasser waren Segelboote verteilt. Doch mein Blick lag nicht auf der Kieler Förde. Links auf dem Gehweg strömten Menschen in dieselbe Richtung wie mein Fahrrad. Stände waren am Rand des Gehweges aufgebaut und nun erklärte sich auch der süße Geruch. Zuckerwattewolken wurden an Stielen verkauft, Zuckerherzen mit unterschiedlichen Aufschriften hingen von den Standdächern. Es gab Flammkuchen, Fast Food, Obst in Schokoladenhüllen und Fischbrötchen. In der Ferne ragte ein Riesenrad auf.
"Sieht es in Kiel immer so aus oder ist irgendwas los?", fragte ich mein Fahrrad, während ich in meiner Tasche nach Geld suchte.
"Natürlich ist etwas los!", rief es aufgeregt. "Es ist Kieler Woche! Das Segelfest!" Ich wandte meinen Blick wieder auf den Fluss.
"Ah, deswegen die vielen Segelschiffe?"
"Genau. Und das Riesenrad, die vielen Menschen, die Stände, das Essen... außer den Fischbrötchen. Die gibt es in Schleswig-Holstein eigentlich überall zu kaufen in der Nähe des Wassers."
Ich fand einen zerknickten 5-Euro-Schein in meiner Tasche. "Dann sollte ich wohl eines probieren."
Möwen und Meer
Ich stellte mich an einem der Stände an. Auf einer Tafel war eine Auswahl an verschiedenen Fischbrötchen aufgestellt. Ich bestellte eines, das ziemlich harmlos klang. Die Verkäuferin reichte mir ein Brötchen, das mit Salat, Soße und einer Frikadelle gefüllt war. Ich reichte ihr das Geld und bedankte mich. Sie winkte lächelnd ab.
"Da nich für", erwiderte sie.
Nachdem sie mir mein Rückgeld gegeben hatte und ich mein Brötchen genommen, schob ich mein Fahrrad weiter. Bald hatten wir den Hafen erreicht und ich setzte mich auf die Kaimauer. Das Fahrrad lehnte ich daran an. Dann biss ich in das Fischbrötchen. Es schmeckte, als hätte jemand Fischstäbchen zwischen die beiden Hälften gelegt. "Und wie gefällt es dir hier?", fragte das Fahrrad, während ich aß. "Gut", antwortete ich. "Ist dir schon aufgefallen, dass hier überall Möwen abgebildet sind?", fragte ich dann zurück. "Oh ja, und Anker", fügte das Fahrrad hinzu. "Auf Postkarten, Ständen, Kopfbedeckungen, Wänden..."
Eine Möwe landete neben mir auf der Mauer. Ich lachte, als noch eine zweite dazu kam, die interessiert mein Brötchen betrachtete.
"Seefahrt und Möwen sind in Schleswig-Holstein anscheinend sehr wichtig", stellte ich fest. "Und was machen wir jetzt hier?", fragte ich dann laut. Doch bevor das Rad antworten konnte, blieb jemand anders vor mir stehen. Ein Kind, ungefähr in meinem Alter.
Bunte Boote auf der Kieler Förde
"Wie bitte?", fragte es. Es dachte anscheinend, ich hätte mit ihm geredet. "Ich habe mich nur gerade gefragt, was man hier auf der Kieler Woche alles machen kann", antwortete ich schnell. Das Kind schien ziemlich gesprächig zu sein. Sein Gesicht hellte sich auf und es begann zu reden. "Also, ich fahre jedes Jahr mindestens einmal mit dem Riesenrad, es gibt auch noch andere Fahrgeschäfte, oder du probierst von jedem Stand etwas zu essen. Obwohl, das wäre ziemlich viel Essen und ziemlich teuer. Und dann kann man sich natürlich noch die Schiffe ansehen, vielleicht hast du das gerade auch schon gemacht, immerhin sitzt du am Hafen. GUCK MAL, das da ist meins!" Begeistert zeigte es auf ein kleines Boot, das ein Stück unterhalb der Mauer im Wasser lag.
"Du hast ein eigenes Boot?", fragte ich erstaunt.
"Also eigentlich gehört es meinen Großeltern, aber während der Kieler Woche fahren wir es gemeinsam."
"Wow, wie oft bist du denn schon gefahren?", fragte ich.
"Ungefähr.... ach, ich weiß nich. Zum ersten Mal ein Boot gesteuert habe ich mit fünf. Natürlich aber nich alleine. "
Ich war beeindruckt. "Und was macht man auf der Kieler Woche, wenn man ein Boot hat?", fragte ich interessiert. Das Kind lächelte noch breiter. "Wir fahren bei der Windjammer-Parade mit. Das ist eine Parade aus ganz vielen Booten hier auf der Kieler Förde, die alle gemeinsam aufs Meer fahren."
Ich drehte mich zu den Booten um und sah die vielen verschiedenen Farben, Namen und Segel. "Das stelle ich mir toll vor", sagte ich dann. Das Kind nickte. "Ich finde es auch toll. Es ist einfach so ein schönes Gefühl zusammen zu fahren." Ich nickte und malte es mir aus.
"Vielen Dank für deine Ratschläge", sagte ich schließlich. Dann überlegte ich kurz und fragte: "Könntest du mir vielleicht noch eine Frage beantworten?"
"Natürlich, welche denn?", fragte das Kind. Ich zögerte kurz.
Zuhause ist für mich...
"Was bedeutet Zuhause für dich?"
Das Kind schien überrascht von der Frage, aber es legte nachdenklich den Kopf in den Nacken. "Das ist eine gute Frage." Es dachte kurz nach. "Ich glaube, mein Zuhause ist meine Familie", sagte es dann. "Wenn ich mit meinen Großeltern zum Beispiel bei der Windjammer-Parade mitfahre, fühlt sich das vertrauter an als alles andere. Irgendwie ist das mein Zuhause."
Es lächelte mich an. "Kann ich dir sonst noch irgendwie helfen?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, vielen Dank."
Es grinste. "Da nich für. Viel Spaß noch!"
"Vielen Dank, dir auch!", rief ich und winkte noch. Das Kind lief in Richtung Riesenrad.
"Also", sagte das Fahrrad zu mir. "Es gibt einen Ort, den wir unbedingt noch besuchen sollten, bevor wir die Schleswig-Holstein-Reise beenden."
Das Bundesland mit den zwei Meeren
Kurz darauf grub ich meine Füße in den Sand. Wind pustete durch meine Haare. Das Fahrrad hatte mich durch die Lichttür an diesen Strand gefahren. "Wenn wir schon im Bundesland mit den zwei Meeren sind, musst du mindestens eines davon auch mal gesehen haben", meinte es.
Die Nordsee war grau und der Strand war voll von Muscheln.
Ich sah mich um. Hinter den Dünen standen einige kleine Häuser. Möwen saßen auf den Dächern oder flogen über den Strand.
Ich hatte das Fahrrad neben mich in den Sand gestellt.
Das Kind auf der Kieler Woche fiel mir wieder ein. War es auch bei mir so, wie das Kind gesagt hatte? Waren meine Lieblingsmenschen mein Zuhause?
Ich musste lächeln, als ich an meine Freund*innen dachte und an alle anderen, die ich gern hatte.
Aber selbst wenn es recht hatte, war die Reise damit noch nicht vorbei.
Ich stand auf. "Denkst du, es ist Zeit für das nächste Bundesland?", fragte ich.
Zur Antwort drehte das Fahrrad den Lenker in meine Richtung und klingelte. Ich stieg auf den Sattel und schon war wieder die Deutschlandkarte unter uns. Sie leuchtete - nun schon ein kleines bisschen heller.
Da erschien auch die Tür und Geräusche quollen daraus hervor. Die Reise ging weiter.
Es gibt noch einige Bundesländer zu entdecken. Schreibe die Community-Geschichte weiter!
Sage in den Kommentaren Bescheid, über welches Bundesland du schreiben möchtest.
Du bist als nächstes dran!