Eure Geschichten

Grüße aus Italien

Das mysteriöse Verschwinden meiner Oma

Heute war ein wunderbarer Schultag. Im Deutschreferat gab es eine Eins und in Sport durften wir Fußball spielen. Danach war ich mit Alex, Cleo und Linh Eis essen. Da war nur noch eine Sache, die fehlte. Dann wäre der Tag wirklich perfekt. „Mama, Papa! Ich geh noch schnell Oma besuchen. Bis später!“, rief ich durch den Wohnungsflur. Sofort eilten meine Eltern herbei. „Du willst zu Oma?“ Papa sah besorgt aus. „Ja, natürlich! Wie jeden Mittwoch.“ Meine Eltern wechselten einen Blick. Schließlich sagte Mama: „Du kannst Oma heute nicht besuchen. Sie ist nämlich in Italien.“  

In Italien? „Aber Oma hat noch nie Urlaub gemacht! Und gehen, ohne Tschüss zu sagen: Das klingt gar nicht nach ihr.“ „Auch Omas brauchen mal Urlaub“, meinte mein Vater schließlich. Dagegen konnte ich nichts einwenden. Oma sein war sicher anstrengend. „Und wann kommt sie zurück?“ „Nun … das wissen wir noch nicht.“ Das Gespräch war vorbei. Meine Eltern wollten nicht mehr darüber reden.  

Also verschwand ich in mein Zimmer, um Oma einen Brief zu schreiben. Ich beschrieb meinen Tag, erzählte vom Referat und vom Eis. Alles, was ich ihr persönlich sagen wollte. Dann bat ich meine Eltern, den Brief abzuschicken. So war es auch die Wochen darauf. Oma, ich habe mich mit Linh gestritten. Oma, wir haben uns vertragen. Oma, ich fange bei der Schach-AG an. Oma, unsere Schulzeitung hat eine neue Ausgabe.  
Ich schrieb ihr alles, worüber ich nachdachte. Manchmal schrieb ich ihr mehr, als ich in echt erzählt hätte. Doch nur einmal kam eine Karte zurück.  

Lieber Hassan,  

Danke für deine Briefe. Ich denke viel an dich. Der Strand ist schön und die Sonne ist warm.

Grüße aus Italien

Der Text war kurz und sah anders aus als sonst. Unordentlich. Als wäre er mit zittrigen Händen geschrieben worden. Trotzdem freute ich mich riesig. Ich nahm die Karte und klebte sie mir an die Wand. Ich selbst war noch nie in Italien gewesen. Ich stellte mir Oma im Strandkorb und Oma beim Pizzaessen vor. Oma abends in der Stadt mit drei Kugeln Eis in der Hand. Sicher hatte sie die beste Zeit. Da kommt man nicht so viel zum Schreiben.

Gelogen

Am Wochenende kam meine Schwester Ayla vorbei. Mittlerweile studierte sie ein paar Städte entfernt. Doch ihre klimpernden Ohrringe, ihr lautes Lachen und ihr Blumenparfüm blieben mir vertraut. Ayla ließ sich dramatisch auf meinen Sitzsack fallen und erzählte lustige Geschichten aus ihrem Uni-Leben. Plötzlich wurde sie ungewohnt ernst. „Du, Hassan, ich weiß ja, wie das mit Oma ist. Wie geht’s dir denn damit? Ihr seid einander doch so wichtig.“ „Womit denn?“, fragte ich erstaunt. So schlimm war Urlaub doch nicht. Aylas Augen wurden riesig. „Du weißt es nicht? Mensch, ich dachte, Mama und Papa hätten was gesagt …“ Mein Herz schnürte sich zusammen. Ich sah, wie Ayla weitersprach, doch ich nahm nichts davon wahr. In meinem Kopf gab es nur eine Frage. Was war mit Oma los? Dann folgte die zweite. Warum wusste ich nichts davon?  

Ich stürmte nach unten zu meinen Eltern. „Ich weiß, dass ihr mich angelogen habt“, rief ich wütend. „Dich angelogen?“ „Ja, wegen Oma. Sie ist gar nicht in Italien.“ Meine Eltern wechselten einen Blick. Dann endlich: „Ja, wir haben gelogen. Aber Oma hat ein Geheimnis. Und sie will nicht, dass du dich schlecht fühlst. Manchmal macht das Leben Angst. Und du bist ja noch so jung. Für manche Themen bist du zu klein.“ Blödsinn! „Das ist unfair, mit dem ganzen ‘zu klein’. Ich habe doch auch ein Recht, zu wissen, was passiert. Und egal, was los ist – ich will Oma helfen. Ihr seid echt fies!“ Meine Eltern wollten etwas erwidern, doch ich war wütend und traurig und ängstlich und rannte einfach wieder aus dem Zimmer.  

Du bist mutig

Später klopfte Papa an meine Tür. Er hatte einen Teller meines Lieblingsessens dabei. Das Essen duftete wundervoll, doch meine Miene blieb ernst. „Hassan. Wir müssen uns bei dir entschuldigen. Wir haben noch mal mit Oma telefoniert. Sie meinte, sie würde dich gerne sehen.“ „Wo ist sie denn?“, fragte ich vorsichtig. „Im Krankenhaus. Oma geht es nicht gut“, erklärte Papa. Mein Herz schlug plötzlich schnell und meine Augen wurden feucht. Krankenhaus klang übel. „Sicher, dass ich sie besuchen soll? Vielleicht bin ich wirklich zu jung für das Krankenhaus.“ „Nein, das glaube ich nicht. Du bist vielleicht noch jung, aber du bist auch mutig.“ Papa strich mir durch die Haare. „Und du verstehst ganz schön viel. Wir können Oma gemeinsam besuchen. Dann bin ich für dich da, wenn du Sorgen hast. Zusammen schaffen wir das.“ Da entdeckte ich Ayla, die am Türrahmen lehnte. Sie lächelte mich ermutigend an. Sicher hatte sie bei Oma ein gutes Wort eingelegt.  

Mit einer Person wollte ich noch reden, bevor ich Oma besuchte. Ich traf sie am nächsten Tag in der Schulcafeteria. „Du, Linh? Wie ist es eigentlich, wenn jemand in der Familie krank ist?“ “Nicht besonders schön.” Das hätte ich mir fast schon denken können. Meine Frage war aber auch nicht gerade schlau gestellt. “Machst du dir Sorgen?”, wollte ich dann wissen. “Also, wenn ich fragen darf”, fügte ich schnell hinzu. Linh überlegte. „Ja, manchmal. Aber man kann sich nicht nur Sorgen machen. Man soll sich auch freuen, dass die Person da ist und man Zeit zusammen hat. Wenn man sich nur sorgt, dann ist die Zeit schnell weg. Das hat mir meine Mutter erzählt, als Papa krank geworden ist.“ Linh wirkte kurz abwesend. “Aber Hassan, warum fragst du eigentlich?”, wollte sie auf einmal wissen. Bis jetzt hatte ich noch niemandem von meiner Sorge erzählt. „Linh, das muss geheim bleiben. Versprichst du mir das?“ Dumme Frage. Linh konnte man eigentlich immer vertrauen. Unser Gespräch half mir, Mut zu schöpfen.  

Italien  

Und schließlich war es so weit.  

Das Krankenhaus war hell, weiß und sauber. So ordentlich, dass man sich nicht zu Hause fühlen konnte. Ich war hier schon einmal gewesen, vor zwei Jahren. Beim Wettlauf gegen meinen besten Freund Alex hatte ich mir den Arm gebrochen. Damals war ich sehr froh, dass mich Alex, Cleo und Linh besuchten. Sie brachten mir Süßigkeiten vorbei und wir lachten viel. Mit ihnen war sogar das kalte, helle, ordentliche Krankenhaus ein bisschen zuhause. Ich hoffte, dass ich Oma dieses Gefühl auch geben könnte.  

„Na, wer ist denn da? Komm herein, Hassan!“, hörte ich sie schon rufen. Oma sah anders aus. Dünner und irgendwie kleiner, doch ihre Stimme war laut und fröhlich. Erst fühlte ich mich komisch schüchtern, aber nach einem kleinen Augenblick fiel ich ihr in die Arme. Ich roch ihren besonderen Oma-Duft und ließ mir von ihr die Haare streicheln. “Oma, ich habe dich so, so doll vermisst”, flüsterte ich ihr zu. Dann erzählte sie mir von ihren letzten Wochen. Von der Diagnose, dem Krankenhausessen und den lieben Krankenschwestern und von den schweren Momenten und davon, dass sie manchmal ein bisschen Angst hatte.  

Das machte mich traurig. “Ich wünschte, ich hätte schon früher für dich da sein können”, sagte ich. Oma hatte bereits erklärt, dass die Italien-Idee von ihr kam. „Hassan, du warst doch für mich da!“, entgegnete Oma stur. „Die letzten Wochen waren schwer. Aber deine Briefe waren mir immer eine große Freude. Ich sammle sie hier, auf dem Tischchen neben dem Bett. Und wenn ich Kraft brauche, dann lese ich sie wieder und wieder durch.“ Das brachte mich zum Lächeln. Ihre Karte hatte ja auch einen besonderen Platz bei mir. Wir verabredeten uns für ein neues Treffen.  

Bevor ich abends ihr Zimmer verließ, kam mir noch ein letzter Gedanke: “Oma, wie geht es jetzt weiter mit dir?”

„Heute habe ich von dir gelernt, Hassan. Du hast ein Recht auf die Wahrheit. Deshalb mache ich dir keine Versprechen. Ich kann dir nicht sagen, wie es mit mir weitergeht. Wir wissen noch nicht, ob ich wieder gesund werde. Aber wenn alles gut wird, habe ich einen Plan.“ „Und der wäre?“ Ich sah sie fragend an.  

„Das ist doch klar. Wir zwei fahren nach Italien!”

Ende

Deine Kinderrechte

Kinder haben ein Recht auf Information. Sie sollen altersgerecht über wichtige Themen aufgeklärt werden. In der Geschichte erzählen die Eltern ihrem Sohn Hassan nicht, dass seine Oma im Krankenhaus ist. Sie wollen ihn vor seelischer Überforderung und Belastung schützen – hier wird das Recht auf Schutz geltend gemacht.  

Doch es gibt auch das Recht auf Beteiligung. Kinder sollen mitgedacht und mit einbezogen werden, insbesondere bei Themen, die sie betreffen. Statt einer ausgedachten Geschichte sollte Hassan eine verständliche Erklärung und Einordnung der Krankheit erhalten.  

Fragen zum Nachdenken

  • Manche Themen sind schwierig und machen Angst. Mit wem kannst du über sie reden?
  • Über welche Themen sprichst du nicht so gerne?
  • Findest du, Erwachsene trauen dir genug zu? Wann und wann nicht?
  • Hassans Familie hat gelogen, weil sie ihn schützen wollte. Was denkst du über ihr Verhalten?  
  • Sind Lügen manchmal in Ordnung?  

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