Eure Geschichten

Hamburg, das Leben und ich

Kapitel 1

Rascheln an Bord 

Aliyah zuckte zusammen. Sie hörte eine Männerstimme und das Drehen eines Schlüssels im Schloss der Tür des Hausbootes. Das 13-jährige Mädchen lief ängstlich zum Schrank und kroch hinein. Sie zitterte und hörte, wie ihr Herz gegen die Brust hämmerte. Die Tür wurde aufgerissen und jemand kam herein. Sie schloss vor Angst die Augen und wartete ab. Sie hörte Rascheln von Tüten und das Öffnen und Schließen von Schubladen. Nach einigen Minuten wurde die Tür wieder zugeschlagen. Sie atmete erleichtert auf. 

Als Aliyah keine Gefahr mehr vernahm, kroch sie aus ihrem Versteck heraus. Sie schaute sich in dem Boot um. Ein paar Papiere lagen über dem Boden verstreut. Sie lief zu einer Kommode, wo sie ihre wichtigsten Sachen aufbewahrte. Alles, also das bisschen Geld, ein Brief ihrer Mutter und das Foto ihrer Familie, war noch da. 

Sarahs Familie  

Plötzlich klopfte es zart an der Tür. Sie hörte eine sanfte Mädchenstimme. „Hallo, mach mal die Tür auf", sagte sie. Aliyah wusste, dass sie dieses Mal die Tür öffnen konnte. Sie ging zur Tür und öffnete sie. Vor ihr stand ein ungefähr gleichaltriges Mädchen mit kurzen blonden Haaren. Sie lächelte Aliyah an. „Hi, ich bin Sarah. Der Mann, der vorher bei dir im Boot war, ist mein Opa. Er hat bloß nach seiner Angel gesucht. Er hat deine Sachen und das Foto gesehen und er kam zu uns und sagte: 'In meinem Boot ist ein Mädchen, das unsere Hilfe braucht.' Und da bin ich". Sarah lächelte sie an.  

Aliyah fragte: „Ist das denn nicht mein Boot?" Sarah antwortete mit einem Grinsen. „Ne, es gehört meinem Opa Hannes. Er benutzt es nicht mehr, aber er mag es so sehr, dass er es nicht verkaufen will. Komm jetzt mal mit zu mir nach Hause. Deine Sachen können wir später holen".  

Aliyah folgte Sarah durch die Straßen Hamburgs bis zu einem großen, gelben Haus. Sarah kramte ihren Schlüssel hervor und öffnete die Haustür. Sie rief ins Haus: „Mama, wir sind da!" Eine kleine, rundliche Frau mit einem strahlenden Lächeln kam aus dem Wohnzimmer. „Hallo, herzlich willkommen. Ich bin Sybille, Sarahs Mutter. Und du bist?" Aliyah antwortete vorsichtig: „Ich bin Aliyah." Sarah sagte zu Aliyah: „Komm, ich habe vorhin mit Mama Kekse gebacken und Kakao kann Michel auch sicher noch kochen." Michel war Sarahs älterer Bruder, was mit seinen blonden Haaren und dem gleichen Gesicht nicht zu übersehen war.  

Nach und nach trudelte auch der Rest der Familie ein. Der Vater, Sven, war ein großer, muskulöser Mann, der seinen Kindern sehr ähnlich sah. Lucie, Sarahs kleine Schwester, hatte die gleichen dunklen Haare wie ihre Mutter, jedoch die Augen ihrer Geschwister. Dann kam der Opa Hannes, der vorhin im Boot war. Aliyas Angst war unnötig gewesen, er war ein sehr netter Mann mit großen Lachgrübchen, der für sein Alter noch sehr fit aussah. „Erzähl mal, wie du hier in Hamburg gelandet bist", sagte die Mutter.  

Aliyahs Geschichte 

Aliyah begann zu erzählen: „Ich lebte mit meinen Eltern und mit meinem Bruder in Malis Hauptstadt, in Bamako. Mitten in der Nacht hörten wir, dass die Stadt angegriffen wird. Meine Mutter sagte, dass der Krieg begonnen hat und wir die wichtigsten Sachen mitnehmen sollten. Dann liefen wir weg.  Alle hatten Angst. Wir liefen weiter aus der Heimat heraus nach Timbuktu. Von dort aus fuhren wir mit hunderten von anderen Menschen weiter an die Grenze von Algerien. Unsere Eltern sagten: 'Wir können nicht weiter, ihr seid Kinder, euch lassen sie nach Algerien.‘ Es ist der letzte Blick meiner Eltern, an den ich mich noch so gut erinnern kann - voller Angst und Trauer.  

Danach nahm uns eine Familie mit nach Marokko. Dort leben unsere Großeltern. Wir blieben zwei Monate dort. Dann sagte Oma, wir sollten nach Deutschland, da wo Papa herkam, zu unserer Tante. Dort sei es sicher. Oma und Opa gaben uns einen Zettel mit ihrer Adresse. Dann sollten wir weg. Mein Bruder Kiano und ich, ohne Erwachsene.  

Dann nahmen wir von El-Biutz eine Fähre nach Algeciras in Spanien. Mit dem Zug nach Barcelona, dann 10 Stunden nach Dijon in Frankreich. Die letzte Fahrt zum Hamburger Hauptbahnhof war die sicherste. Nur ir wurden blöd angeglotzt weil wir, zwei schwarze Kinder ohne Eltern, durch Deutschland reisten. Aber wir sind beide heil angekommen. Wir haben einige Leute gefragt, wo wir diese Adresse finden würden. Jemand sagte uns, dass das Haus vor einem Monat abgerissen wurde, um einen Kindergarten zu bauen. Der Rest war purer Zufall. Das Boot sah einfach superschön aus." 

Aliyah lächelte verlegen. Lucy fragte: „Und wo ist dein Bruder jetzt?" Aliyah sagte traurig: „Er ist gestorben. Damit hat er mir mein Leben gerettet. Seitdem bin ich allein."  

Sven sagte: „Das war eine lange Geschichte, ich schlage vor, wir gehen jetzt schlafen und morgen gehen wir zum Jugendamt zur Adoptionsvermittlungsstelle. Und wenn wir Glück haben, kannst du bei uns bleiben. Jetzt aber ab ins Bett." Aliyah ging zum ersten Mal seit langem ohne Angst ins Bett.  

 

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