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Mila zog den Griff ihres Koffers fester in die Hand, als sie das Tor des Internats durchschritt. Der alte Bau thronte wie ein Wächter über dem nebelverhangenen Hang, aus grauem Stein, der von Efeu überzogen war. Das Hauptgebäude erinnerte sie mehr an ein Schloss aus einem alten Roman als an eine Schule. Ihre Schritte hallten auf dem Kiesweg, und mit jedem Schritt wurde ihr Herz ein wenig schwerer.
Neuanfänge waren nie leicht gewesen. Und dieser hier fühlte sich an wie ein Sprung ins eiskalte Wasser.
Sie war gerade dabei, sich zu fragen, wie viele Schüler sie wohl schon aus den Fenstern beobachteten – neugierig auf das neue Mädchen – als eine Stimme sie von der Seite ansprach. „Du musst Mila sein.“
Ein Mädchen, etwa in ihrem Alter, trat aus dem Schatten eines Torbogens. Ihre Locken tanzten um ihr Gesicht, rotbraun wie Herbstlaub, und ihre Brille saß leicht schief auf ihrer Nase. In der Hand balancierte sie ein zerknülltes Croissant und ein zerlesenes Notizbuch, dessen Ecken nach innen gebogen waren.
„Ich bin Clara. Wir teilen uns ein Zimmer.“
Mila versuchte zu lächeln. „Hi. Ja, ich bin Mila.“
Clara grinste breit, als hätte sie gerade ein besonders gutes Buch aufgeschlagen. „Oh, das wird gut. Ich hab ein gutes Gefühl bei dir. Die meisten, die neu ankommen, sehen aus, als wollten sie gleich wieder umdrehen. Du siehst aus, als würdest du erstmal alles durchschauen wollen.“
Mila musste tatsächlich lachen. Der Knoten in ihrem Bauch lockerte sich ein wenig. „Vielleicht ein bisschen von beidem.“
Clara zuckte mit den Schultern. „Dann bist du hier genau richtig. Komm, ich zeig dir den besten Weg zum Wohnhaus. Ist kürzer als der offizielle, aber wir müssen durch den Innenhof schleichen.“
Während sie durch die verwinkelten Gänge und alten Treppenhäuser liefen, redete Clara ununterbrochen. Sie erzählte von den Lehrern – Herr Niemann, der beim Reden immer mit der Zunge schnalzte, und Frau Römer, die Gerüchten zufolge früher Opernsängerin war. Sie sprach über die Mitbewohner, das alte Klavier im Musikraum, das nachts angeblich von selbst spielt, und über die Spinnen, die sich im Badezimmer manchmal wie ein Rudel versammeln.
Mila hörte zu, lächelte, nickte – aber ein Teil von ihr war immer noch bei dem Gedanken, dass alles hier neu war. Fremd. Und irgendwie unwirklich. Sie hatten gerade das Ende eines langen Korridors erreicht, der in den Innenhof führte, als Clara plötzlich langsamer wurde.
„Und da vorne…“, sagte sie leiser, „da ist James.“
Mila folgte ihrem Blick. Unter dem großen Kastanienbaum, dessen Blätter in rot und gold über ihnen rauschten, lehnte ein Junge mit dunklem Haar und einem Buch an der Schulter an der Mauer. Er wirkte wie aus einem Bild ausgeschnitten – lässig, aber mit einer stillen Konzentration, als würde die Welt um ihn herum gerade nicht existieren. Die Herbstsonne warf schräges Licht auf sein Gesicht, das kantig, aber nicht hart wirkte. Und als hätte er ihre Blicke gespürt, sah er auf.
Sein Blick traf zuerst Clara. Ein kurzes, fast automatisches Nicken. Dann glitt sein Blick weiter – zu Mila.
Und er blieb dort.
Nur für einen Moment, aber es fühlte sich an wie ein Atemzug zu lang. Etwas in seinen Augen veränderte sich. Ein Hauch von Überraschung vielleicht. Oder etwas Tieferes. Seine Lippen zuckten, und dann lächelte er – kaum sichtbar, aber doch eindeutig. Nicht in Claras Richtung.
Mila spürte, wie sich Clara neben ihr versteifte. Nur leicht – kaum wahrnehmbar. Aber sie spürte es trotzdem. Ein kurzer, stiller Moment, in dem viel gesagt wurde, ohne dass jemand ein Wort sprach. Dann wandte James sich wieder seinem Buch zu. Als wäre nichts geschehen.
„Komm“, sagte Clara nach einer Sekunde, in der der Wind durchs Laub fuhr. Ihre Stimme klang jetzt etwas gedämpfter. „Ich zeig dir dein Bett. Es ist das am Fenster. Du wirst die Bäume sehen können, wenn du aufwachst.“ Mila nickte, sagte nichts. Aber sie wusste, dass dieser Tag nicht mehr so ruhig verlaufen würde, wie sie gehofft hatte.
Coole Geschichte!Ich freue mich schon auf den nächsten Teil!
LG Skatergirl
Hey,
ich habe mich entschieden, euch eine andere Art der Geschichten von mir zu zeigen. Ich hoffe es gefällt euch, nimmt es auch als kleine Entschädigung, weil ich jetzt so lange nichts mehr veröffentlicht hatte. Es gab einfach Sachen, die wichtiger waren. Sorry. Aber ich bin jetzt wieder zurück, und werde auch öfter für euch Sachen rausbringen.
Liebe Grüße,
Merle