Eure Geschichten

The Oakridge Files - Kapitel 1

Bailey

An den meisten Morgen wachte ich vor meinem Wecker auf. Nicht, weil ich besonders motiviert für Schule war – ganz bestimmt nicht –, sondern weil Bailey ein erstaunlich gutes Gespür dafür hatte, wann es Zeit für seinen ersten Spaziergang war. Meistens hörte ich ihn schon ein paar Minuten vorher durchs Haus laufen. Das leise Klackern seiner Krallen auf dem Holzboden war inzwischen so etwas wie mein zweiter Wecker geworden. Ich blieb trotzdem noch einen Moment liegen und starrte an die Zimmerdecke. Durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen fiel graues Licht ins Zimmer. Typisches England. Es war Anfang September, aber der Sommer hatte sich schon wieder verabschiedet, als hätte er gemerkt, dass er hier ohnehin nicht besonders willkommen war.

Mein Handy zeigte 6:38 Uhr. Viel zu früh. Unten bellte Bailey einmal. Nicht laut. Eher so, als wollte er höflich nachfragen, ob ich vielleicht vergessen hatte, dass Hunde morgens grundsätzlich wichtiger waren als Schlaf.

„Ich komme ja schon“, murmelte ich und schob die Bettdecke zur Seite.

Der Podcast

Mein Zimmer sah aus wie immer. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Bücher, daneben lagen Kopfhörer, ein Notizbuch und mein Laptop. An der Wand über meinem Bett hingen Fotos mit Allie, ein Kalender, den ich seit Juni nicht mehr umgeblättert hatte, und ein Poster von Only Murders in the Building. Mum behauptete, ich wäre langsam ein bisschen besessen von Krimis. Ich fand, es gab deutlich schlimmere Hobbys. Während ich mir einen Hoodie überzog, blieb mein Blick kurz an dem kleinen Mikrofon hängen, das auf meinem Schreibtisch stand. Es war gebraucht, hatte einen winzigen Kratzer an der Seite und funktionierte trotzdem einwandfrei. Ich hatte es mir in den Sommerferien von meinem Cousin abgekauft, nachdem ich beschlossen hatte, endlich selbst einen Podcast aufzunehmen. Seitdem hatte ich ungefähr zwanzigmal versucht, anzufangen, und ungefähr zwanzigmal nach wenigen Sekunden wieder aufgehört. Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte. Eher, weil ich nie wusste, wie ich anfangen sollte. Vielleicht war das das Schwierigste an neuen Ideen. Der erste Satz. Ich nahm das Mikrofon kurz in die Hand, drehte es zwischen den Fingern und stellte es wieder zurück. Heute Abend vielleicht. Oder morgen. Irgendwann würde ich schon den Mut finden.

Ein zweites Bellen riss mich aus meinen Gedanken.

„Ja, Bailey.“

Ich schnappte mir mein Handy und ging die Treppe hinunter.

Zettel von Mama

Im Erdgeschoss roch es nach Kaffee. Mum musste schon vor einer halben Stunde aus dem Haus sein, trotzdem stand ihre Tasse noch in der Spüle. Dad war wahrscheinlich ebenfalls längst im Büro. Beide arbeiteten in London und verließen das Haus meistens, bevor Ivy oder ich überhaupt wach waren. Manchmal sah ich sie morgens nur noch auf dem Zettel, den Mum fast jeden Tag auf der Küchenarbeitsplatte liegen ließ.

Heute stand darauf nur: Frühstück ist im Kühlschrank. Weck Ivy bitte um sieben. Danke.

Ich legte den Zettel wieder hin, öffnete die Terrassentür und ließ Bailey in den Garten. Er rannte einmal quer über den Rasen, als hätte er seit Tagen keine frische Luft mehr gesehen, obwohl wir gestern Abend fast eine Stunde unterwegs gewesen waren. Während ich mir ein Glas Orangensaft einschenkte, ließ ich den Blick durch den Garten schweifen. Hinter dem Zaun begann direkt der kleine Fußweg, der bis zum Park führte. Im Frühling war alles voller Blumen, jetzt lagen schon die ersten braunen Blätter auf dem Boden.

Jeder kennt jeden in Oakridge

Oakridge war nicht besonders groß. Genau genommen konnte man fast überall zu Fuß hingehen. Zur Schule brauchte ich keine fünfzehn Minuten, zum Buchladen knapp zehn und zum Fluss vielleicht fünf. Manchmal fand ich das ziemlich langweilig. Dann hörte ich einen Podcast über irgendeinen spektakulären Kriminalfall in einer Großstadt und fragte mich, wie es wohl wäre, an einem Ort zu leben, an dem ständig etwas passierte. Andererseits mochte ich Oakridge gerade deshalb. Hier kannte jeder jeden. Mrs. Collins von gegenüber winkte jedem zu, der an ihrem Garten vorbeilief, Mr. Jenkins legte mir im Buchladen neue Krimis zurück, sobald sie erschienen, und wenn irgendwo ein Fahrrad gestohlen wurde, war das für die Lokalzeitung fast schon eine Titelgeschichte. Vielleicht war genau das der Grund, warum ich Krimis so mochte. Sie waren das komplette Gegenteil meines Alltags. Oakridge war nicht der Ort, an dem man morgens aufwachte und damit rechnete, in einen Kriminalfall hineinzustolpern. Genau deshalb fühlten sich die Geschichten aus meinen Büchern und Podcasts manchmal fast ein bisschen wie Reisen an. Man setzte Kopfhörer auf, hörte jemandem beim Ermitteln zu und vergaß für eine Stunde Mathehausaufgaben, Vokabeltests oder den Wäschekorb, der schon wieder in meinem Zimmer stand.

Ich stellte mein Glas in die Spüle und sah kurz auf die Uhr. 6:56 Uhr. In vier Minuten musste ich Ivy wecken. Das war jeden Morgen ein kleines Glücksspiel. Und manchmal stand sie sofort auf und war erstaunlich gut gelaunt. Manchmal behauptete sie, sie wäre krank, weil sie einmal niesen musste. Und manchmal zog sie sich die Bettdecke einfach über den Kopf und tat so, als wäre niemand da. Heute hoffte ich auf Variante eins.

Aufstehen, Ivy!

Ich ging die Treppe hoch und klopfte vorsichtig gegen ihre Zimmertür.

„Ivy?“

Keine Antwort.

„Du musst aufstehen.“

Immer noch nichts. Ich drückte die Klinke herunter und steckte den Kopf ins Zimmer. Die Vorhänge waren noch zugezogen und zwischen den Kissen konnte man gerade so ihre braunen Haare erkennen.

„Ich weiß, dass du wach bist.“

„Bin ich nicht“, murmelte sie unter der Decke.

„Interessant.“

„Warum?“

„Weil schlafende Menschen normalerweise nicht antworten.“

Einen Moment blieb es still.

„Mist.“

Ich musste grinsen.

„Frühstück in zehn Minuten.“

„Fünfzehn.“

„Zehn.“

„Zwölf.“

„Abgemacht.“

Sie streckte eine Hand unter der Decke hervor und zeigte mir den Daumen nach oben.

Kleinstadtleben

Mehr brauchte ich nicht. Ich zog die Tür wieder zu und ging zurück in die Küche. Bailey lag inzwischen mitten im Flur und sah mich an, als würde er sich fragen, warum Menschen morgens eigentlich so kompliziert waren.

„Sie lebt“, sagte ich zu ihm.

Er wedelte einmal mit dem Schwanz.

Während das Brot im Toaster langsam braun wurde, stellte ich zwei Teller auf den Tisch. Mum legte fast jeden Sonntag einen genauen Essensplan für die Woche fest, aber beim Frühstück hielt sich niemand so richtig daran. Ivy aß meistens Toast mit Marmelade, ich wechselte ungefähr jeden zweiten Tag zwischen Müsli und Erdnussbuttertoast und Dad behauptete jedes Mal aufs Neue, dass er eigentlich gar keinen Hunger hätte, bevor er doch noch zwei Brötchen mitnahm.

Ich mochte diese ruhigen Morgen. Auch wenn Mum und Dad meistens schon weg waren, fühlte sich das Haus nie leer an. Irgendwo klapperte immer etwas, Bailey lief einem hinterher oder Ivy erzählte schon vor sieben Uhr morgens von irgendetwas, das ihr in der Nacht eingefallen war.

Manchmal fragte ich mich, ob ich später auch einmal in einer Kleinstadt wohnen wollte. Und jedes Mal kam ich zu derselben Antwort. Eigentlich schon. Nur vielleicht in einer Kleinstadt mit einem etwas besseren Buchladen.

Essen für Bailey

Ich setzte mich an den Küchentisch und strich Erdnussbutter auf meinen Toast, während Bailey sich genau neben meinen Stuhl legte. Er machte das jeden Morgen. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass irgendwann versehentlich etwas herunterfiel. Das passierte zwar selten, aber offensichtlich oft genug, dass er seine Strategie bis heute nicht geändert hatte.

„Du kannst aufhören zu gucken“, sagte ich und biss in meinen Toast.

Bailey blinzelte mich an.

„Es gibt nichts.“

Er legte den Kopf schief.

„Nein.“

Sein Blick wanderte langsam zu meinem Teller.

„Das funktioniert heute nicht.“

Keine fünf Sekunden später hörte ich Schritte auf der Treppe. Ivy kam mit halb geschlossenen Augen in die Küche geschlurft, die Haare in alle Richtungen abstehend. Sie ließ sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen und stützte den Kopf auf den Tisch.

„Morgen“, murmelte sie.

„Du siehst aus, als wärst du rückwärts durch eine Hecke gelaufen.“

Sie hob den Kopf nur ein kleines Stück.

„Danke.“

„War nett gemeint.“

„Bestimmt.“

Ich schob ihr den Marmeladenglas rüber.

„Erdbeere?“

Sie nickte nur.

Während sie ihren Toast schmierte, herrschte für einen Moment diese angenehme Morgenstille, die ich irgendwie mochte. Kein Fernseher, keine Nachrichten, nur das leise Ticken der Küchenuhr und Bailey, der jedes Mal hoffnungsvoll aufsah, wenn jemand das Messer bewegte.

Vokabeltest

„Wir schreiben heute Vokabeltest“, sagte Ivy plötzlich.

„Hast du gelernt?“

„Vielleicht.“

„Das klingt nicht überzeugend.“

„Ich hab's versucht.“

„Das zählt.“

„Tut es leider nicht.“

Ich musste grinsen.

„Willkommen in der Schule.“

Ivy verzog das Gesicht.

„Erwachsenwerden klingt anstrengend.“

„Ist es auch.“

Sie dachte kurz nach.

„Dann bleibe ich einfach neun.“

„Sag Bescheid, wenn das funktioniert.“

Sie grinste zum ersten Mal an diesem Morgen.

Ich mochte diese kleinen Momente. Nichts Besonderes, nichts, woran man sich Jahre später noch erinnern würde. Einfach ein ganz normaler Dienstagmorgen, an dem der Toast ein bisschen zu dunkel geworden war und Bailey geduldig darauf hoffte, dass doch noch irgendetwas vom Tisch fiel.

Sachen vergessen!

Nachdem wir fertig gegessen hatten, brachte ich unsere Teller zur Spüle. Während das Wasser lief, hörte ich, wie Ivy die Treppe hochlief, vermutlich, weil ihr in letzter Sekunde eingefallen war, dass sie ihre Federmappe oder ihr Mathebuch vergessen hatte. Das passierte mindestens zweimal pro Woche. Ich nutzte die paar Minuten, um meine Brotdose in den Rucksack zu stecken und noch einmal nach meinem Handy zu sehen. Keine neuen Nachrichten. Allie war morgens selten am Handy. Wahrscheinlich schlief sie bis zur letzten möglichen Minute und schaffte es trotzdem jedes Mal pünktlich in den Unterricht. Ich verstand bis heute nicht, wie sie das machte.

Oben polterte es.

„Alles okay?“, rief ich die Treppe hinauf.

„Ja!“

Eine kurze Pause.

„Ich hab nur meinen Pulli gesucht!“

„Und?“

„Lag auf meinem Stuhl.“

„Überraschend.“

Ich musste grinsen und zog meine Jacke an.

Ab zur Schule

Wenig später kam Ivy die Treppe herunter, diesmal geschniegelt, mit ordentlich sitzendem Rucksack und deutlich wacher als noch vor zehn Minuten. Es war jedes Mal dasselbe. Morgens sah sie aus, als würde sie im Stehen wieder einschlafen, und kaum war sie angezogen, hatte sie plötzlich genug Energie für drei Menschen. Ich schnappte mir meinen Rucksack vom Garderobenhaken, kontrollierte automatisch, ob Schlüssel und Handy drin waren, und öffnete die Haustür.

Die Luft draußen war kühl und roch nach Regen, obwohl es in der Nacht gar nicht geregnet hatte. Über den Dächern hingen helle Wolken, durch die sich die Sonne nur stellenweise blicken ließ. Auf der anderen Straßenseite stellte Mrs. Collins gerade ihre Mülltonne an den Bordstein und winkte uns kurz zu. Ich hob ebenfalls die Hand. Solche kleinen Begegnungen gehörten einfach zu Oakridge dazu. Man grüßte sich, selbst wenn man sich eigentlich gar nicht kannte. Irgendwann machte man das ganz automatisch. Bailey stand noch einen Moment in der offenen Haustür und sah uns hinterher. Erst als ich die Tür zuzog, trottete er zurück ins Haus.

Schöne Dienstage

Ivy lief neben mir her und erzählte irgendetwas von einem Kunstprojekt, das sie diese Woche anfangen wollten. Ich hörte nur mit einem Ohr zu. Nicht, weil es mich nicht interessierte, sondern weil meine Gedanken schon langsam bei der Schule waren. Noch zwei Doppelstunden bis zur großen Pause, danach Englisch und am Ende des Tages Sport. Ein ziemlich normaler Stundenplan. Genau so mochte ich Dienstage. Nicht zu voll, nicht zu leer. Einfach unkompliziert.

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