Eure Geschichten

Schulleben Teil 2

Hannelore Weiß 

Montag der 8. September

Wer wird mit mir befreundet sein?

Unsere Lehrerin kritzelte irgendetwas Mathematisches an die Wand. Normalerweise hätte mich so etwas sehr interessiert und ich wäre aufmerksamer gewesen. Aber nicht jetzt. Meine Gedanken kreisten viel eher um die weiteren sieben Jahre, die ich jetzt an dieser Schule verbringen würde. Und um meine neue Klasse. December war sehr nett, wir verstanden uns gut. Aber um meine Freundin zu sein? Ich kannte sie noch so schlecht! Und - was, wenn sie mich sah, wie so viele andere auch? Als kleine Streberin, die nur Lernen im Kopf hat? Eigentlich gab es noch einige weitere Schüler*innen, die sehr nett waren. Trotzdem aber für mich bestimmt total unerreichbar. Ganz einfach, weil diese Schüler*innen jetzt schon beliebt waren und bei mir schon ganz klar war, dass ich es nie sein würde. Ich war klein. Außerdem wurde ich bestimmt als Streberin eingestuft, weil ich die dritte Klasse übersprungen hatte. Und irgendwie hatten das direkt alle gewusst. Dabei habe ich das niemandem erzählt. 

Gedrängel und blöde Kommentare

Es klingelte einmal. Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch.  „Oh, okay. Die Stunde ist schon vorbei. Dann schönen restlichen Tag noch, Kinder“, meinte die Lehrerin, fast schon etwas enttäuscht. Es dauerte nicht lange, bis die ganze Klasse wie leer gefegt da lag. Ich war einen Moment länger hier geblieben. Ich wollte mir unangenehme Kommentare sparen. Von denen hatte ich schon genug bekommen, als ich mich vor ein paar Stunden durch die anderen Kinder zum Hof drängeln wollte. Ich dachte, dass es eh niemanden stören würde. Aber falsch gedacht. Es waren Kommentare gewesen wie: „Hej, nicht so drängeln! Kindergartenkinder gehören hier nicht hin!“ oder „Jemand, der so klein ist, muss ein besonders kleines Gehirn haben!“. Ich verstehe echt nicht, wie manche an einer Oberschule immer noch so unerwachsen sein können! Ich schulterte meinen Schulrucksack und lief zur Klassentür. 

Einladung auf ein Eis

Als ich auf den verlassenen Flur hinaustrat, sagte plötzlich jemand etwas zu mir. „Hast du Lust auf ein Eis?“, fragte December. Ich freute mich darüber, dass sie fragte. Dadurch wusste ich, dass sie mich nett fand! „Ja klar! Total gerne!“, platzte es in Rekordgeschwindigkeit aus mir heraus. Auch December schien sich sehr zu freuen. „Ich kenne einen guten Eisladen, hier in der Nähe!“, erklärte sie mir. Auf dem Weg dorthin unterhielten wir uns über verschiedene typische Dinge, wie Hobbys, Geschwister und Schule. 

Irgendwann waren wir beim Eisladen angekommen. „Ich lade dich ein!“, entschied December kurzerhand. Natürlich begann ich zu protestieren, aber keine Chance, sie irgendwie umzustimmen. Sie lächelte nur bei meinen erfolglosen Versuchen. Schlussendlich saßen wir nebeneinander an einem runden Tisch, beide mit einem Eis in der Hand. „Danke für die Einladung“, sagte ich und leckte einmal an dem Schokoeis. „Kein Problem.“ December zörgerte einen Moment. Dann fragte sie: „Ähh, Hannelore? Willst du, also ich meine, könntest du…“, sie stockte einen weiteren, etwas längeren Moment. Dann begann sie, ohne noch einmal zu stocken, ihren Satz zu Ende zu bringen. 

Ehrliche Worte

„Okay, also, du siehst mich ja als Mädchen, wie alle hier. Ich fühle mich aber nicht so! Ich fühle mich als Junge. Kannst du mich vielleicht einfach mit „er“ ansprechen?“  Es kam etwas überraschend, deshalb brauchte ich kurz, um die von December schnell gesagten Wörter zusammen zu bauen. „Ja, natürlich! Das muss dir überhaupt nicht unangenehm sein!“, sagte ich. Erleichtert und dankbar sah er mich an. „Danke.“ 

Wir nahmen beide ein wenig Eis in den Mund. Es herrschte einen Moment Stille zwischen uns. Ich wusste nicht, was ich jetzt noch dazu sagen sollte. In der Klasse hatte sich December als Mädchen vorgestellt. Das war sein biologischer Körper. Aber nicht der, den er für sich fühlte. Er hatte wohl Angst, gemobbt zu werden, würde er sich als Junge vorstellen. Am Anfang würden die Schüler ja weniger mobben, weil die Lehrer noch aufmerksam waren. Aber wie würde es zwei Monate nach Schulbeginn aussehen…? December und ich waren dann wahrscheinlich die perfekten Mobbing-Opfer. Aber eventuell waren die Schüler*innen unserer Klasse ja nett genug, das nicht zu tun? Es kam selten vor, dass alle aus der Klasse Mobber waren. Wenn es fünf Kinder gab, die sich ernsthaft gegen das Mobben stellten, dann würden die Kinder, die mobben, wahrscheinlich aufhören. 

„Hannelore?“, fragte December. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich nicht alleine war, wie meistens, sondern mit December unterwegs war. „Was ist?“, fragte ich und leckte an meinem Eis. „Findest du mich jetzt irgendwie komisch, oder so?“„Nein! Absolut nicht! Das ändert ja nichts an deinem Charakter, wie du dich fühlst!“, sagte ich. Wir lächelten uns an. Und in genau diesem Moment war für mich klar, dass wir beide Freunde werden würden.

Wenn sich Freund*innen unterstützen

„Ich glaube“, begann ich, „du solltest der ganzen Klasse das sagen. Also, dass du ein Junge bist, kein Mädchen!“ „Ne… lieber nicht. Das kommt sicher bei vielen nicht gut an!“, erklärte December verunsichert. „Ich glaube, die meisten würden das gut annehmen!“ „Ich überlege es mir mal“, sagte December. „Sehr cool!“ Ich freute mich, December ermutigt zu haben. Hoffentlich hatte ich ihm nicht zu viel versprochen, dass das nicht schlecht in der Klasse ankommen würde und so. 

Ich sah zu dem Bürgersteig. Dort lief gerade Jane an uns vorbei. Sie war so alleine. Also, klar, nach Hause geht man fast immer alleine. Trotzdem tat sie mir plötzlich leid. Vielleicht sollten wir mal zu ihr gehen? Mein Blick wanderte zu December und dann zu seinem Eis. „Oh, pass auf! Dein Eis läuft weg!“, witzelte ich, als ich sah, dass das Eis langsam begann, zu schmelzen. Während sich December schon um sein Eis kümmerte, sagte er noch: „Deins auch!“ Und kurz darauf waren wir beide schwer damit beschäftigt, unser Eis zu retten.

 

Das war der zweite Teil. Ich hoffe, er hat euch gefallen. Eigentlich hätte dieser Teil schon am Montag draußen sein sollen. Tut mir leid. 

LG Piepsi

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Eure Kommentare

Ich liebe diese Geschichte zu lesen🥰🥰. 
LG Wolfsherz 🐺🖤

Super Teil! Mein Charakter (Hannelore) ist auch genauso, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Ich freue mich auf den nächsten Teil! LG Nini58310💜

💜💜💜💜💜💜💜💜💜💜💜💜💜💜💜

Ohaaaaaaa ❤️🥰🥰🥰😍😍🤩🤩🤩 Ich liebe diesen Teil! (Den vorherigen auch, ich mag einfach die ganze Geschichte!) 

GVLG deine Sofie ☀️