Natur und Mensch

In­ter­view mit ei­nem Schlaf­for­scher

Wir haben für euch mit Professor Doktor Ingo Fietze gesprochen. Er ist Schlafforscher und Schlafmediziner, außerdem Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité, der großen Klinik in Berlin. Wir haben ihm ganz viele Fragen rund um das Thema Schlaf gestellt. Das hat er geantwortet: 

Was macht eine Schlafforscherin oder ein Schlafforscher? 

Professor Fietze: Als Schlafforscherin oder Schlafforscher muss man sich entscheiden, in welche Richtung man forschen möchte. Denn die Schlafmedizin ist sehr vielseitig und es gibt viele interessante Fragen, zum Beispiel: Was kann man gegen Schnarchen tun? Warum schlafen so viele Menschen schlecht? Was macht guter oder schlechter Schlaf mit dem Körper? Wie ist der Zusammenhang von Schlaf und Sport? Von Schlaf und Ernährung? Was macht Schlaf mit dem Gedächtnis?  

Was passiert in einem Schlaflabor? 

Professor Fietze: Ein Mensch mit Schlafstörungen kommt zu uns ins Schlaflabor und übernachtet dort. Es wird dann geguckt, ob er oder sie im Schlaf verrückte Sachen macht, die die Qualität des Schlafes stören. Zum Beispiel: Zähneknirschen, Schlafwandeln, reden oder schreien im Schlaf, zappeln, stöhnen, schnarchen oder aus dem Bett fallen. Wer sowas macht, ist nämlich oft am nächsten Morgen nicht ausgeschlafen.

Warum müssen wir schlafen? 

Professor Fietze: Wer nicht schläft, wächst nicht. Denn das Hormon, das für unser Wachstum verantwortlich ist, wird nur im Schlaf ausgeschüttet. Auch die Reife-Entwicklung des ganzen Körpers wird durch wenig Schlaf deutlich verzögert. Wir brauchen den Schlaf für unser Gedächtnis ebenso wie für unsere Knochen und Muskeln und das Immunsystem.   

Heißt das, große Erwachsene haben als Kinder und Jugendliche viel geschlafen? 

Professor Fietze: Nein, wenn ein Kind großgewachsene Eltern hat, hat es sowieso die Anlage groß zu werden. Diese Größe erreicht es aber am besten durch guten Schlaf. 

Warum brauchen Menschen unterschiedlich viel Schlaf? 

Professor Fietze: Die optimale Schlaflänge ist ganz klar festgelegt. Bei Schulkindern sind das mindestens 9 Stunden, gerne auch noch mehr. Schulkinder sollten also rechtzeitig ins Bett gehen. Zusätzlich wäre es eine Überlegung wert, den Schulbeginn in Deutschland nach hinten zu verschieben.  
Wenn ein Kind in einer Nacht mal weniger schläft, ist das nicht schlimm. Es sollte sich aber am Wochenende die Zeit gönnen, das nachzuschlafen. Man kann auch mal einige Tage weniger schlafen. Beispiel: Wenn ein Bergsteiger auf einen hohen Berg klettert, ist er so unter Anspannung, das Stress-System des Körpers so aktiv, dass er eine gewisse Zeit mit wenig und schlechtem Schlaf auskommt. Das darf man aber nicht längere Zeit machen, dann wird es einfach ungesund.   

Warum knirschen wir im Schlaf mit den Zähnen oder schnarchen? 

Professor Fietze: Schnarchen und Zähneknirschen gehören zusammen. Wir knirschen im Schlaf mit den Zähnen, wenn der Rachen eng ist. Dadurch wird nachts die Atmung beeinträchtigt. Der natürliche Schutz des Körpers darauf ist das Knirschen, das auch die Rachenmuskulatur aktiviert. Dadurch wird der Atemweg wieder weiter. Damit die Zähne nicht darunter leiden, sollten Kinder zum Zahnarzt gehen und sich eine Knirsch-Schiene anpassen lassen. 

Wird Schnarchen vererbt? 

Professor Fietze: Kinder schnarchen in der Regel noch nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein Kind zum Schnarcher oder zur Schnarcherin wird, wenn auch Eltern und Großeltern schnarchen.  

Welche Lautstärke kann Schnarchen erreichen? 

Professor Fietze: Schnarchen kann 90 Dezibel und mehr erreichen. Zum Vergleich: Das bewegt sich zwischen der Lautstärke eines Lastwagens und eines Presslufthammers.   

Ist Schnarchen ungesund? 

Professor Fietze: Je lauter das Schnarchen, desto ungesünder ist es. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit geht das mit Atmungsstörungen einher. Eine Ursache für kindliches Schnarchen können auch zu große Mandeln sein. Das kann ein Hals-, Nasen- und Ohrenarzt feststellen. 

Haben Sie auch Kinder und Jugendliche in Behandlung oder nur Erwachsene? 

Professor Fietze: Wir behandeln hauptsächlich Erwachsene. Aber natürlich können auch Kinder und Jugendliche zu uns kommen (außer Neugeborene). Wir behandeln vor allem Kinder, die sich selbst wehtun, während sie schlafwandeln. Oder Kinder, die immer müde sind und deshalb die Schule nicht mehr schaffen.     

Wann sollten Kinder und Jugendliche denn die Hilfe von Expertinnen und Experten suchen? 

Professor Fietze: Wenn ein Kind dauerhaft nur 6 Stunden schläft, auch am Wochenende, wenn es viel zu lange braucht, um einzuschlafen, nachts lange wach liegt und wenn das Problem länger als ein paar Tage dauert. Dann ist es empfehlenswert, eine Schlafmedizinerin oder einen Schlafmediziner aufzusuchen.   
Wir untersuchen außerdem eine spezielle Form von Schlafstörung, die auch viele Kinder und Jugendliche betrifft. Obwohl sie nachts lange und gut schlafen, kommen sie morgens nicht aus dem Bett und sind am Tage müde und schläfrig. Sie können sich in der Schule nicht konzentrieren oder schlafen sogar ein. Wir nennen dies übermäßige Schläfrigkeit - Hypersomnie. Betroffene und deren Eltern sollten in solchen Fällen spätestens nach 4 Wochen Hilfe in Anspruch nehmen. 

Ganz herzlichen Dank, Herr Professor Doktor Fietze, für das spannende Gespräch! 

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