Panorama

Interview mit Künstlerin Rebecca Raue

Du bist Künstlerin und arbeitest viel mit Kindern, wie sieht das aus?

Rebecca Raue: Ich bin eine politisch motivierte Künstlerin. Kunst ist mein Werkzeug, um mit dem Leben, Menschen und allem nicht-menschlichem in Kontakt zu kommen. Ich habe dabei zwei verschiedene Wege, zu arbeiten: Zum einen zeichne und male ich auf Pappe, Papier oder Leinwand. Wenn ich Bilder male, habe ich intensive Gespräche mit mir selbst und dem Bild. Ich versuche so dem Leben auf die Spur zu kommen: Wer bin ich eigentlich und was bedeutet es, am Leben zu sein.  

Außerdem habe ich eine Organisation gegründet, die Ephra heißt. Hier geht es um Kinder, um Zukunft und um Kunst. Und darum, dass Kinder ihre eigenen inneren Landkarten kennenlernen. Wir alle haben so interessante Innenwelten – und Kunst kann uns helfen, diese Landschaften zu entdecken – ein bisschen stolz auf sie zu sein. Bei Ephra lernen Kinder, dass sie – also jedes einzelne Kind – wichtig sind und wir denken gemeinsam darüber nach, wie eine gute lebenswerte Zukunft aussehen könnte.

In den Workshops geben wir den Kindern die Möglichkeit, gemeinsam zu arbeiten, zu staunen und Zusammengehörigkeit und Fürsorge zu erleben. Das sind Dinge, die im Alltag und in der Schule oft zu wenig Raum bekommen.  

Was machst du eigentlich für Kunst?

Rebecca Raue: Karten inspirieren mich sehr. Ich liebe es, Formen dafür zu finden, was das Leben eigentlich ist und wie wir Menschen zusammenleben. Meine Bilder sind wie Landkarten. Sie zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt. Sie helfen, das Leben besser zu verstehen – auf eine poetische, träumerische Art. Ich schaffe Karten innerer Landschaften. Das nennt sich Mapping. Mein Ziel ist es dabei, diese lesbar und damit auch verhandel- und erlebbar zu machen.  

Warum machst du so viele Projekte mit Kindern?

Rebecca Raue: Bevor ich Mutter geworden bin, habe ich sehr viel Kunst gemacht. Zum Beispiel Installationen, Performances oder bildende Kunst. Aber irgendwann habe ich angefangen, an der Kunstwelt zu zweifeln. Sie war mir zu elitär, also zu abgehoben. Ich wollte etwas für die Kunst tun und dafür, dass mehr Menschen Lust auf Kunst haben. Egal ob sie Geld haben oder nicht. Kunst ist für mich ein wichtiger Teil unserer Demokratie.  

Außerdem glaube ich schon immer, dass Kinder Zugang zu einem ganz besonderen Wissen haben, das Erwachsene im Laufe ihres Lebens verlieren. Und dieses Wissen ist für unsere Gesellschaft sehr wichtig. Ich möchte, dass wir den Kindern mehr zuhören. Die Erwachsenen tun oft so, als ob sie wissen, was das Leben bedeutet und was wichtig ist. Aber eigentlich haben sie oft gar keinen guten Plan. Ich glaube, dass wir lernen müssen, einander wirklich zuzuhören und wieder Zeit füreinander zu haben. Ich träume von einer Gesellschaft, in der wir aufeinander aufpassen und füreinander sorgen. Eine Gesellschaft, in der Schenken wichtiger ist, als beschenkt werden.  

Kann ich auch Kunst machen, wenn ich nicht so gut malen kann?

Rebecca Raue: Na klar, dann erst recht. Oder vielleicht sollte ich lieber zurückfragen: Was bedeutet denn Kunstmachen für dich? Was soll gute Kunst können? Wann berührt dich etwas, was du siehst? Es geht eigentlich meistens gar nicht darum, ob jemand ein schönes Porträt malen kann, das aussieht wie ein Foto. Sondern viel mehr darum, das Wesen eines Menschen oder einer Situation einzufangen.  

Wenn es eben nicht schön und gut sein muss, sondern wild und merkwürdig sein darf, dann wird es erst interessant. Das ist natürlich eine Frage der Übung, hat aber auch mit Haltung zu tun. Und mit Lust. Und damit, wie sehr wir uns auf den Prozess einlassen.  

Wie kann man Kindern helfen, Kunst zu verstehen?

Rebecca Raue: Man fängt erstmal an, die Kinder zu verstehen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen wir Erwachsenen, den Kindern zuhören. Da werden sie gesehen und dürfen sie selbst sein. Manchmal braucht es auch Fantasie und verschiedene Formate, um Kinder neugierig zu machen. Überraschung ist toll und alles, was sich nicht nach Schule anfühlt… vielleicht ist es sogar möglich, die Künstlerin oder den Künstler kennenzulernen? Wichtig ist es, die Kunst zu erkunden. Was wird erzählt und warum? Wenn Kinder merken, dass die Kunst etwas mit ihnen zu tun hat, kann die Beziehung zur Kunst und zur Welt wachsen. Es geht nicht darum, was richtig oder falsch ist. Wir wollen mutige Räume anbieten, in denen Menschen (große und kleine) miteinander ins Gespräch kommen. In denen Fragen gestellt und Antworten gesucht werden. Ein Kind hat es mal so formuliert: “Man darf nicht unterschätzen, was die Kunst kann, die Kunst ist voller Geheimnisse“. Und genau so ist es.  

Danke für das Interview!  

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