Eure Geschichten

Cleos Reise #16

Im Haus der alten Frau

Die Apfelernte nahm eine Weile in Anspruch, aber das fand keiner schlimm, denn ausnahmsweise konnten sie mal so viel essen wie sie wollten. Als der riesige Korb voll war, schleppten sie ihn zu dem kleinen Haus, am anderen Ende des Gartens. Auf der Terrasse stand ein Tisch mit einem Stuhl, auf dem eine alte Dame saß und eine Zeitschrift las. Als sie die Kinder bemerkte, schaute sie auf und lächelte. „Clara, Ben, das ist ja eine schöne Überraschung! Und, wen habt ihr da noch mitgebracht?“, fragte sie. „Das ist Cleo“, erklärte Ben, „sie hat uns bei der Ernte geholfen.“ Die alte Frau begrüßte auch Cleo und stellte sich als Magrit vor. Dann bat sie die Kinder in Haus.

„Sie backt furchtbar gerne Kuchen“, raunte Ben ihr zu, „immer wenn wir kommen und ihr helfen, lädt sie uns ein. Aber sag das lieber nicht Jasmin, dann will sie nämlich selber mit und du musst zuhause bleiben…“ Magrit lud sie dann tatsächlich zum Kaffee ein. Cleo fand es herrlich, einmal wieder auf richtigen Stühlen, an einem richtigen Tisch, zu sitzen. Auch wenn sie noch gar nicht so lange darauf verzichtet hatte. Unterdessen erzählte die alte Frau ununterbrochen. Von ihren Katzen, ihrem Rheuma, dass ihre Lieblingsserie abgesetzt worden war und wie ärgerlich das für sie war, und noch von vielen anderen Dingen.

Schon mal gehört

Cleo hörte nur mit halben Ohr zu, bis sie plötzlich zu den vorherigen Besitzern des Hauses kamen. „…die Tochter des Mannes war sehr begabt in irgendetwas Akrobatischem“, erinnerte sie sich. „Sie hieß genau wie du“, sagte sie dann an Cleo gewandt. Da wurde Cleo hellhörig. Ein Mädchen, das Cleo hieß und akrobatisch sehr begabt war? Konnte es etwa sein…? „Magrit“, fragte sie aufgeregt, „wie alt war das Mädchen ungefähr?“ „Vielleicht drei oder vier“, war die Antwort, „sie hat mir vorgeführt, was sie schon alles kann. Es war absolut erstaunlich. Leider wollten sie nach Italien auswandern.“ „Oh mein Gott“, entfuhr es Cleo. In ihrem Kopf drehte sich alles. Das konnte kein Zufall sein! Sie hatte ihre Kindheit in Italien verbracht. Sie konnte fließend italienisch sprechen und Petro war halb Italiener. Sie hatte immer gedacht, dass sie und ihre Familie schon immer in Italien gelebt hätten, und ihre Mutter nach Deutschland gegangen war, um dort ihre Kariere als Musikerin voranzutreiben, aber so war es gar nicht gewesen. Petro war mit ihr nach Italien gegangen, um sie vor ihrer Mutter versteckt zu halten. Aber warum bloß? Wie konnte er mit ihr so viel Geld machen, dass er dieses Risiko einging?

Da holte Bens Stimme sie in die Wirklichkeit zurück: „Cleo, ist alles okay?“ „Ich…ja, alles okay.“ „Was ist denn los?“, wollte er weiter wissen. „Ich glaube, ich bin das Mädchen, das hier gelebt hat.“ „Haha!“ „Nein, wirklich. Laut meinem Stiefvater habe ich mit drei Jahren mit Akrobatik angefangen und war damals schon ziemlich gut für mein Alter. Ich habe bis zu meinem achten Lebensjahr in Italien gelebt und spreche fließend italienisch, auch wenn ich eine deutsche Schule besucht habe. Und meine Mutter…ich kenne sie nicht. Magrit, wissen sie vielleicht noch, wie der Mann hieß, der ihnen das Haus verkauft hat? Hieß er zufällig Petro Greco?“ Die Dame überlegte: „Ich kann es dir wirklich nicht sagen, Kind. Mein Gedächtnis ist auch nicht mehr so, wie es einmal war. Aber wenn es dir hilft, kann ich in den Kaufverträgen nachschauen?!“ „Oh ja“, sagte Cleo erleichtert, „wenn das nicht zu viel Aufwand wäre?“ „Aber nicht doch, warte hier einen Moment“, sagte sie, stand mühevoll auf und lief zu einem Schrank, am anderen Ende des Zimmers.

Sie suchte eine ganze Weile, aber schließlich zog sie eine braune Mappe hervor, in der eine Menge Papiere lagen, die sie eine Weile lang durchschaute, bis sie zustimmend nickte. „Der Verkäufer hieß tatsächlich Petro Greco.“ „Aber wie willst du mit der Information deine Mutter finden?“, fragte Clari vorsichtig. Cleo drehte sich erstaunt um, weil Clari gesprochen hatte. Dann riss sie sich zusammen. „Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich. „Können sie sich vielleicht noch an irgendetwas erinnern?“, fragte sie an die alte Frau. Doch die schüttelte den Kopf. „Deine Mutter habe ich nie kennengelernt. Aber oben auf dem Dachboden steht eine Schachtel mit Fotos von euch. Sie wurde offenbar vergessen und außerdem sind sie hinten beschriftet. Wenn du möchtest, kannst du sie runterholen." Sie nickte glücklich „Wenn ich darf?“ „Natürlich!“

Für immer hier bleiben?

Es war abends, draußen zirpten die Grillen. Cleo und der Rest saßen an dem verbeulten Tisch und aßen Pommes. Liam behauptete, er habe sie geschenkt bekommen, aber Cleo hatte die leise Ahnung, dass ihr Abendbrot nicht ganz rechtlich erworben war. „Wollt ihr eigentlich für immer hierbleiben?“, fragte sie dann plötzlich aus dem Nichts heraus. Sofort wanden sich ihr alle Augenpaare zu. „Warum willst du das jetzt wissen?“, fragte Jasmin argwöhnisch. „Ach, nur so“, meinte sie, aber sie konnte fühlen, wie Bens scharfer Blick sie zu durchbohren schien. „Ich meine“, sie holte tief Luft, „wenn ihr hier jetzt immer bleibt, dann habt ihr ja auch keine Chancen auf ein besseres Leben, ihr könnt ja keinen Beruf erlernen und so.“ „Vielleicht wollen wir das ja gar nicht!“, sagte Jasmin, aber ihre Stimme zitterte und Cleo merkte, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte.

„Cleo“, sagte Ben bestimmt, „nur, weil du deine Mutter gefunden hast, musst du jetzt nicht von uns allen verlangen, dass wir hier weggehen!“ Das wars. Jasmin und Liam starrten sie an. „Ach, so ist das also. Du hast deine Mutter gefunden, jetzt haben wir unseren Zweck erfüllt. Wir sind nicht gut genug für das akrobatische Supertalent!“ „Das habe ich nie gesagt. Aber nur, weil ihr für ewig obdachlos bleiben wollt, heißt das nicht, dass ich das auch tun muss!“ „Hört jetzt auf zu streiten!“, brüllte Clari, „das bringt nichts, hört ihr!“ Aber keiner achtete auf sie.

Verraten und alleine gelassen

„Liam, du hast doch auch gesagt, du würdest gerne wieder zu deiner Familie zurück!“, sagte sie an den Jungen gewandt. „Lass meine Familie aus dem Spiel“, knurrte er. „ Wieso, ich bin mir sicher, sie machen sich Sorgen…“ „Du solltest das wirklich lassen, Cleo“, sagte er angespannt. „…Und du solltest endlich mal deine Angst überwinden…“ „Cleo, hör jetzt auf!“ „…Und aufhören, dich wie ein Feigling zu benehmen!“ „SCHÖN“, brüllte er, „DANN GEH DOCH EINFACH! Geh zu deiner Mutter! Los, wir brauchen dich hier nicht mehr. Geh einfach!“

„Cleo“, sagte Clari entsetzt, „hör nicht auf ihn! Das stimmt doch nicht!“ Aber Cleo wusste, dass Clari die Einzige der Vier war, die so dachte. Liam und Jasmin hatten sich einfach abgewandt und taten, als ob sie nicht da wäre, und Ben starrte sie kalt an. „Bist du immer noch hier?“, fragte er. Cleo ging langsam rückwärts. Wut und Fassungslosigkeit hatten ihren Verstand übernommen. Sobald sie aus der Hütte war, fing sie an zu laufen. Immer schneller. Sie sprang über die Beete und kletterte den Hang hinauf, dann rannte sie in den Wald hinein, ohne zu wissen, wohin.

Sie wollte einfach nur weg, weg von den Menschen, die sie so verraten hatten, den sie vertraut hatte und die sie jetzt fallen lassen hatten. Sie spürte, wie ihr beim Laufen heiße Tränen über ihr Gesicht rannen, aber sie machte sich keine Mühe, sie wegzuwischen. Es spielte keine Rolle. Alle, die ihr wirklich wichtig gewesen waren, hatten sie verraten. Irgendwann kam sie zum Stehen. Keuchend fiel sie auf die Knie, lehnte sich gegen einen Baum, und weinte. Tief in der Nacht schlief sie ein.

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Eure Kommentare

Dir Geschichte ist so gut! 😃

Und so toll geschrieben. 🥲

Ichl liebe deine <geschichten! Ich hab am Ende fast geheult, ich hatte so krasses Kopfkino!

Oh, sie tut mir wirklich leid ! 🥹

aber mega Geschichte 🤍🤍🤍