Highmoor - Die dunklen Geheimnisse Kapitel 14
Ein Klopfen am Fenster
Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich die Männer im Keller vor mir und die reglose Gestalt auf dem Boden. Mein Herz raste, und selbst das leise Ticken meiner Uhr klang wie ein Trommelschlag. Jules lag neben mir, zusammengekauert wie ein kleines Tier, und atmete unruhig. Ich fragte mich, ob sie von derselben Szene träumte.
Noch vor Sonnenaufgang hörte ich ein leises Klopfen am Fenster. Ich fuhr hoch, mein Herz fast in der Kehle. Jules wachte ebenfalls auf und starrte ins Dunkel. Wieder dieses Klopfen. Vorsichtig schlich ich ans Fenster, hob die Vorhänge – und sah Kian draußen im grauen Morgendunst stehen. Er hatte den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen und winkte uns ungeduldig zu. Wir öffneten das Fenster, und er kletterte leichtfüßig über die Regenrinne hinein. Ich war kurz davor, ihm zu sagen, dass er völlig verrückt war – aber seine Augen funkelten ernst, beinahe hart.
Es ist Vorsicht geboten
„Ihr müsst mir zuhören“, sagte er leise. „Gestern Nacht habt ihr etwas gesehen, was ihr besser nicht gesehen hättet. Und wenn die Männer rausfinden, dass ihr da wart…“
Er ließ den Satz offen. Ich verstand ihn trotzdem.
Jules verschränkte die Arme. „Wer sind die überhaupt?“
Kian sah uns beide lange an, als müsse er abwägen, ob er uns vertrauen konnte. „Hausmeister. Einer davon ist eigentlich Gärtner. Aber sie… machen mehr als sie sollten. Sie nutzen die alten Keller und Gänge. Und ihr wollt nicht wissen, wofür.“
„Doch“, sagte ich, meine Stimme fester, als ich mich fühlte. „Weil Leo…“
„…lebt.“ Kian nickte knapp. „Ich habe ihn gestern gesehen. Sie halten ihn fest. Aber ich weiß nicht, warum.“
Ein Schauer lief mir über den Rücken. „Was sollen wir tun?“
„Erst mal nichts“, sagte Kian. „Ich beobachte sie schon länger. Wenn wir zu unvorsichtig sind, sind wir die Nächsten.“
Ein Klopfen an der Tür ließ uns alle erstarren. Wir tauschten panische Blicke. Jules sprang auf und versteckte Kian hinter dem Schrank, ich öffnete vorsichtig. Vor der Tür stand Serena – und ihr Blick war so kühl wie immer.
„Frühstück“, sagte sie knapp. „Und der Direktor will euch später sprechen.“
Mein Herz machte einen Sprung. „Uns?“
„Ja.“ Sie musterte mich von oben bis unten. „Alle Neuen.“
Kaum war sie weg, löste sich die Anspannung ein wenig.
„Okay“, flüsterte Kian. „Ab jetzt müsst ihr so tun, als wäre nichts. Lächeln, freundlich sein. Wenn die Kerle im Keller merken, dass wir was wissen, haben wir ein Problem.“
Er weiß doch etwas...
Das Frühstück war ein seltsames Theaterstück. Alle saßen in der langen Halle an den Holztischen, das Licht fiel durch die bunten Glasfenster und malte flackernde Muster auf den Boden. Ich konnte die Gesichter der anderen kaum lesen – zu viel Misstrauen lag in der Luft. Serena saß mit ihren Freundinnen am Ende des Tisches und tat so, als würde sie uns nicht beachten. Doch ich spürte ihre Augen auf mir.
Irgendwann tauchte der Direktor auf. Hochgewachsen, streng, sein schwarzer Mantel wehte wie ein Schatten hinter ihm. „Nach dem Frühstück in mein Büro“, sagte er nur. Keine Erklärung. Keine Andeutung, worum es ging.
Jules und ich warfen uns Blicke zu. Mein Magen verkrampfte sich, und ich bekam kaum noch einen Bissen herunter.
Das Büro des Direktors lag im Nordflügel, hinter einer schweren Tür aus dunklem Holz. Die Wände waren voller Bücherregale und auf dem Schreibtisch lagen ordentlich gestapelte Unterlagen. Er deutete uns, Platz zu nehmen.
„Alyson. Jules.“ Seine Stimme war tief, aber nicht unfreundlich. „Es gab letzte Nacht… Unruhe im Westflügel.“
Mein Herz stockte. „Unruhe?“, wiederholte ich unschuldig.
„Ja. Geräusche. Schritte. Jemand war dort, wo er nicht sein sollte.“ Seine Augen bohrten sich in meine. „Ich möchte wissen, ob ihr etwas gesehen habt.“
Ein Teil von mir wollte einfach alles rausbrüllen: dass Leo gefangen ist, dass zwei Männer nachts in den Kellern ihr Unwesen treiben. Aber irgendwas an seinem Blick ließ mich schweigen.
„Nein, Sir“, sagte ich schließlich. „Wir haben geschlafen.“
Jules nickte eifrig.
Der Direktor sah uns noch lange an, als würde er hinter unsere Stirnen blicken. Dann lehnte er sich zurück. „Sehr gut. Ihr dürft gehen. Und… Alyson? Willkommen in Highmoor.“
Der Gefahr ins Auge blicken
Als wir draußen waren, war mir speiübel. Ich lehnte mich an die kühle Wand des Flurs und atmete tief ein.
„Er weiß etwas“, flüsterte ich. „Er weiß, dass wir da waren.“
Jules nickte, kreidebleich. „Und wenn er… auf ihrer Seite ist?“
Noch bevor ich antworten konnte, erschien Kian aus dem Schatten des Flurs.
„Packt eure Sachen“, sagte er leise. „Heute Nacht zeige ich euch etwas, das ihr nie vergessen werdet. Aber wenn wir erwischt werden… war’s das.“
Ich sah in seine Augen. Zum ersten Mal seit ich hier war, fühlte ich mich nicht ganz allein – und gleichzeitig so tief in einer Gefahr, dass ich kaum noch wusste, wie ich da wieder rauskommen sollte.