Eure Geschichten

Kapitel 4 – Erste Fäden

Beobachtung

Ich wusste, dass ich beobachtet wurde.

Nicht aufdringlich. Nicht wie in diesen schlechten Träumen, in denen alle Blicke auf einen gerichtet sind und man plötzlich feststellt, dass man vergessen hat, sich anzuziehen. Nein. Es war leiser. Wie ein Luftzug in einem Raum, den man erst bemerkt, wenn alles andere still wird. Wie ein Blick, den man nicht sieht – aber spürt.

Kennenlernen

Clara sprach ununterbrochen, seit wir uns getroffen hatten. Ihre Stimme war angenehm, klar, manchmal ein wenig zu schnell, als würde sie verhindern wollen, dass zu viele Gedanken zwischen den Sätzen Platz finden. Ich mochte das. Es war einfacher, sich treiben zu lassen, als selbst zu schwimmen. Und ich war müde vom Schwimmen. Vom ständigen inneren Strampeln, das man betreibt, wenn man neu ist.

Sie erzählte von Lehrern, Fluren, Legenden. Von Spinnen im Badezimmer und Klavierklängen aus leeren Räumen. Ich hörte zu. Lachte, wo es passte. Fragte manchmal nach, wenn ich das Gefühl hatte, dass es von mir erwartet wurde. Und trotzdem war da dieses kleine Stück in mir, das sich nicht berühren ließ. Nicht absichtlich. Eher aus Gewohnheit.

James 

Und dann sah ich ihn.

James.

Es war kein dramatischer Moment. Keine Zeitlupe. Kein plötzlicher Stopp der Welt um uns herum – obwohl es sich kurz so anfühlte. Er lehnte einfach nur da, unter der Kastanie, in einem Licht, das mehr mit der Jahreszeit als mit dem Schicksal zu tun hatte. Ein Junge mit einem Buch. Ein Gesicht, das sich nicht in Pose warf, sondern einfach da war – ruhig, aber nicht abwesend. Und als er aufsah, war da dieser Blick.

Blicke

Er sah zuerst Clara. Nicken. Automatisch.

Dann ich. Und er blieb. Nur einen Moment. Aber er blieb. Ich weiß nicht, was genau es war. Vielleicht war es Neugier. Oder Überraschung. Oder einfach nur dieser eine Sekundenbruchteil, in dem sich zwei Blicke treffen und irgendetwas in der Luft hängt, was man nicht greifen kann. Und trotzdem spürt. Sein Lächeln war klein. Aber es war da. Und es war meins. Nicht Claras.

Clara 

Daneben spürte ich Clara. Ihren Körper, der sich nur minimal spannte. Als hätte jemand einen winzigen Akkord angeschlagen, den man nur hört, wenn man sehr genau hinhört. Ich hörte ihn. Und ich wusste, dass sie ihn auch hörte. Ich sagte nichts. Sie auch nicht. Aber etwas war geschehen.

Im Wohnhaus redete sie weiter. Zeigte mir den Westflügel. Sprach über Heizungen und schiefe Türen. Ich spürte die Mühe, die sie sich gab – vielleicht für mich, vielleicht für sich selbst. Und gleichzeitig spürte ich, dass etwas in ihr auf Abstand ging. Nicht weit. Noch nicht. Aber spürbar.

Im Zimmer

Das Zimmer war schön. Alt, aber warm. Und das Fenster, das sie mir zeigte, hatte wirklich etwas Beruhigendes. Die Bäume, der Himmel, das Licht, das sich veränderte, je nachdem, wie man stand. Ich mochte es. Wirklich.

Aber ich mochte auch Clara. Und ich mochte nicht, wie sie plötzlich vorsichtiger sprach, leiser lächelte.

Ich sagte danke. Lächelte zurück. Und wünschte mir, ich könnte ihr versichern, dass ich nichts wollte. Nicht James. Nicht irgendeinen Platz, der nicht meiner war. Ich wollte nur ankommen. Irgendwo hinpassen, ohne jemanden zu verdrängen.

Aber es war zu spät.

Etwas ist anders

Der Moment unter der Kastanie hatte etwas verändert. Und auch wenn ich mich nicht bewegte, hatte es mich doch in Bewegung gesetzt. Vielleicht war das das Tückische an solchen Momenten: Man entscheidet nicht, ob sie geschehen. Man entscheidet nur, was man danach tut.

Später, als ich meine Bücher ins Regal stellte, fragte Clara, ob ich gerne lese. Ich nickte. Es war keine Schutzbehauptung. Es war die Wahrheit. Lesen half mir. Es war, als könnte ich mich in Wörter legen, wenn die Welt draußen zu laut war. Und sie verstand das. Ich sah es an ihrem Blick.

Freundschaft? 

Und doch…
Da war dieser Schatten.

Nicht groß. Nicht bedrohlich. Aber da. Wie das Wissen, dass ein Fenster offen steht, obwohl der Wind noch nicht weht. Ich hatte Clara nicht verletzt. Nicht bewusst. Aber ich hatte etwas in ihr berührt, das empfindlich war. Und das ließ sich nicht rückgängig machen. So sehr ich es auch gewollt hätte. Sie war freundlich. Sie war klug. Und sie war nicht blind.

Was ist mit James? 

Und James?
Ich wusste nicht, was ich von ihm wollte. Ob ich überhaupt etwas wollte. Ich kannte ihn kaum. Und doch war da dieser Blick, den ich nicht vergaß. Dieser Moment, der sich wie ein Lesezeichen in meinen Tag legte. Und ich fragte mich, ob er sich auch an mich erinnerte.

Vielleicht war das der Anfang. Vielleicht auch nur ein einzelner, bedeutungsloser Augenblick. Aber ich spürte, dass ich angekommen war. Nicht nur im Internat. Sondern mitten in etwas, das noch keinen Namen hatte

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Eure Kommentare

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Sooooooo schön 💖!!!!

LG Skatergirl

😘

Das ist so schön geschrieben!