Eure Geschichten

Kapitel 5 – Verschiebungen

Mila

Ich beobachtete sie.

Nicht direkt. Nicht auffällig. Nur aus dem Augenwinkel, wie man das manchmal macht, wenn man versucht, ein Gefühl zu überprüfen. Mila war schön. Auf diese unangestrengte Weise, die nicht um Aufmerksamkeit bat – und genau deshalb bekam sie welche. Ihre Haare fielen nie so, wie man es aus Katalogen kennt, aber gerade deshalb passten sie zu ihr. Und ihre Stimme hatte diesen ruhigen Klang, als würde sie nicht mehr sagen, als wirklich nötig war.

Ich hasste sie nicht. Ich wollte das klarstellen – zumindest mir selbst. Ich war nicht jemand, der sofort in Konkurrenz dachte. Ich war anders. Ich war loyal. Ich war die, die zuhört, die anderen Mut macht. Ich war die, die mitdenkt, wenn jemand eine Klassenarbeit verschläft.

Der Blick

Aber trotzdem...
Ich fühlte es. Diese feine, kaum spürbare Erschütterung, die Mila mitgebracht hatte. Als hätte sich das Gleichgewicht des Internats um einen halben Grad verschoben. Nicht viel. Aber genug, dass man es merkte, wenn man genau hinsah. Und ich sah genau hin. James hatte sie angesehen.

Zu lange. Nicht, dass er gestarrt hätte. Er war nicht der Typ dafür. Aber sein Blick blieb – einen Moment zu lang. Und es war, als hätte er dabei vergessen, dass ich direkt daneben stand.

Ich kannte diesen Blick. Ich hatte ihn oft bei ihm gesehen, wenn er las, wenn er nachdachte, wenn er jemandem wirklich zuhörte. Ich hatte ihn mir gewünscht, öfter, länger, nur für mich. Und jetzt – bekam Mila ihn, ohne etwas dafür getan zu haben. Einfach so.

Gefühle

Ich fühlte mich unfair, als ich das dachte. Sie konnte nichts dafür. Sie war höflich gewesen, interessiert, sogar ein bisschen scheu. Ich mochte sie. Ehrlich. Aber ich mochte nicht, wie ich mich plötzlich fühlte, wenn sie lachte. Oder wenn James in ihre Richtung sah. Ich wusste nicht, was zwischen James und mir war. Oder ob da überhaupt je etwas gewesen war. Manchmal dachte ich, wir hätten einen Rhythmus. Einen stillen, vertrauten Austausch aus Blicken und Gedanken, den niemand sonst bemerkte. Aber vielleicht hatte ich ihn mir auch nur eingebildet. Vielleicht war ich die einzige, die tanzte.

Im Unterricht saß Mila zwei Reihen vor mir. Ihre Schultern waren gerade, ihre Haltung aufmerksam. Sie schrieb mit, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Als hätte sie das alles schon einmal gemacht. Und als Herr Kessler sie etwas fragte, antwortete sie mit einer Ruhe, die selbst die Lauten zum Schweigen brachte.

Bedeutungslos? 

James lächelte. Ich sah es.
Er saß schräg hinter ihr. Und er sah sie an. Wieder. Ich wollte nicht eifersüchtig sein. Aber ich war es. Es fühlte sich kindisch an, aber gleichzeitig auch so echt, dass es wehtat. Ich dachte an unsere Gespräche auf der Treppe, an das Lachen im Dunkeln, an die stillen Minuten im Musikraum, wenn niemand sonst da war. War das alles bedeutungslos gewesen?

Oder hatte sie einfach nur etwas berührt, das ich nie ganz erreicht hatte?

Mila und Clara 

Ich fragte mich, ob Mila etwas spürte. Ob sie wusste, was sie auslöste. Oder ob sie einfach nur versuchte, klarzukommen, wie wir alle. Vielleicht wünschte sie sich einfach nur jemanden, der sie sieht – so wie ich es mir gewünscht hatte. Und vielleicht war James genau das für sie.

Am Abend lagen wir nebeneinander auf unseren Betten. Ich redete mehr als sie. Das war normal. Ich war die mit den Geschichten. Mit den Beschreibungen. Mit dem Wissen über alles, was dieses Internat ausmachte. Aber diesmal hörte sie aufmerksamer zu als vorher. Oder vielleicht bildete ich mir das nur ein.

Angst

Als sie fragte, ob ich oft mit James rede, war es beiläufig formuliert. Fast zu beiläufig. Ich antwortete schnell. Vielleicht zu schnell. „Geht so. Er ist nett.“ Das war wahr. Aber es war auch eine Flucht. Ich wollte nicht, dass sie zu viel hörte. Nicht, dass sie spürte, was in mir vorging. Nicht jetzt.

Aber ich wusste, dass ich mich veränderte.
Ich hörte es an meiner Stimme. Ich spürte es in meinem Bauch.

Und ich ahnte, dass das hier der Anfang war.
Von etwas, das weh tun könnte.

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Cool🤩!

LG Skatergirl

Wow!🤩