Kapitel 6 – Als hätte jemand das Licht gedimmt
Kastanie
Manchmal fühlt sich ein Tag nicht wie ein Tag an, sondern wie eine Zwischenzeit. Kein wirklicher Anfang, kein wirkliches Ende. Nur ein Gefühl, das bleibt. Als hätte jemand das Licht gedimmt und vergessen, es wieder anzuschalten.
Es war ein Mittwoch. Einer von denen, an denen die Stunden sich wie zäher Honig durch das Internat zogen. Das Wetter draußen war trocken, aber der Himmel hing so tief, dass man das Gefühl hatte, selbst kleiner zu werden, wenn man nach oben sah. Ich hatte mich nach dem Mittagessen unter die Kastanie zurückgezogen – mein Platz. Dort, wo der Wind immer ein bisschen leiser klang, das Buch auf den Knien, aber die Gedanken ganz woanders.
Der Moment
Ich hatte gehofft, sie nicht zu sehen. Und gleichzeitig vielleicht doch. Mila.
Es war nichts, was man benennen konnte. Keine Szene, kein Gespräch, kein Moment mit Bedeutung in großen Buchstaben. Es war nur dieser Blick. Der erste, unter dem Bogen, als sie an Clara vorbeisah und mich traf. Etwas in ihrem Gesicht hatte sich dabei nicht verändert – und das war es, was mich traf. Kein nervöses Lächeln, keine Unsicherheit. Nur Stille. Und Klarheit. Als würde sie nicht sehen, was sie sehen soll, sondern was da ist.
Seitdem trug ich diesen Moment mit mir herum, wie einen kleinen Stein in der Jackentasche. Unauffällig. Aber da.
Anders
Clara hatte sich verändert. Vielleicht nicht auf eine Weise, die andere sahen. Aber ich sah es. Die Pausen in ihren Sätzen, das angespannte Lächeln, wenn Mila sprach. Ihre Stimme wurde schneller, wenn ich in der Nähe war. Und dann langsamer, wenn sie Mila ansah. Ich hätte es nicht merken wollen. Aber ich bin gut im Beobachten. Vielleicht zu gut.
In der Bibliothek am Nachmittag war es besonders deutlich gewesen.
Ich hatte Mila zuerst gesehen, noch bevor ich die Tür ganz geöffnet hatte. Sie stand in der Seitenkammer, dort, wo es nach altem Holz, Papier und Staub roch. Sie hielt ein Buch in der Hand – „Sturmhöhe“ – und blätterte nicht, sondern sah auf eine Seite, als würde sie warten, dass die Wörter sich ihr selbst erklären. Neben ihr stand Clara. Ihre Schultern angespannt. Ihre Augen – nicht feindlich, aber fest. Wie jemand, der weiß, dass er gerade einen Boden betritt, der nicht mehr trägt.
Gespräch
„Hey“, hatte ich gesagt. Ein einfaches Wort. Aber selbst das klang zu laut.
Mila hatte mich angesehen, wieder so ruhig. Kein Erröten. Kein Ausweichen. Als würde sie wissen, dass sie nichts falsch gemacht hat – und trotzdem auf alles vorbereitet ist. Clara hatte den Blick gewechselt. Von mir zu ihr, von ihr zu mir. Ich kann nicht sagen, was sie darin gelesen hat. Nur, dass sie am Ende schweigend den Raum verließ.
Ich hätte ihr folgen sollen. Ich hätte etwas sagen sollen.
Aber ich blieb stehen. Sah Mila an. Und sie sah zurück. Es war kein romantischer Moment. Kein Funkenregen oder Musik im Hintergrund. Es war nur – wahr.
Bücher
„Du liest Sturmhöhe?“, fragte ich. Meine Stimme klang fremd. Fast jünger, als ich war. Sie nickte. „Kennst du es?“ „Hab’s letztes Jahr gelesen. Es hat mich eine Weile nicht losgelassen.“ Sie lächelte leicht, dieses ehrliche, leise Lächeln, das nicht gefallen will, sondern einfach da ist. „Ich glaub, es wird mir genauso gehen.“
Wir sagten nicht viel. Und das war das Seltsame. Dass man mit ihr schweigen konnte, ohne dass es unangenehm wurde. Dass ihre Gegenwart nicht drängte, aber blieb.
Später, draußen, sah ich Clara im Innenhof. Sie saß allein auf der Mauer, die Knie angezogen, das Gesicht halb im Schatten. Ich blieb hinter der Tür stehen. Nur für einen Moment. Und sah sie an, ohne dass sie mich sah.
Clara?
Es war der Moment, in dem ich wusste, dass etwas zerbrochen war.
Nicht, weil Mila schuld war.
Nicht, weil Clara schwach war.
Sondern weil ich nicht mehr wusste, wie man zwei Menschen gegenüber ehrlich ist, wenn man sich selbst nicht mehr sicher ist, was man fühlt. Ich hätte Clara gern gesagt, dass sie wichtig ist. Dass ihre Worte mir fehlen, wenn sie nicht da sind. Dass ich ihre klugen, leisen Gedanken mehr bewundere, als sie ahnt.
Aber ich hätte ihr auch sagen müssen, dass es da einen neuen Ton in meinem Kopf gibt. Eine andere Stimme, die sich dazwischen mischt, wenn sie spricht.
Und dass diese Stimme Mila gehört.
Veränderung
Als ich später in mein Zimmer ging, war es still im Flur. Nur das Klopfen der alten Heizung in der Wand begleitete mich, wie ein Herzschlag, der nicht ganz im Takt war. Ich setzte mich auf mein Bett, das Buch lag noch immer aufgeschlagen da. Ich las die Seite, ohne sie zu verstehen. Denn ich dachte nicht an die Geschichte im Buch.
Ich dachte an Claras Blick.
An Milas Schweigen.
Und an mich.
Und wie sich alles gerade begann zu bewegen, obwohl keiner von uns bereit war.
Dieser Teil ist auch soooooo cooooool!!!💖🤩Ich freue mich schon auf den nächsten.
LG Skatergirl