Eure Geschichten

Kapitel 7 – Nächte reden anders

Nacht

Das Internat hatte eine besondere Art, nachts zu atmen. Anders als tagsüber. Tiefer. Schwerer. Als würde das alte Gemäuer selbst in den Schlaf sinken – und dabei all das mitnehmen, was am Tag nicht gesagt wurde. Man hörte es im Knacken der Dielen, im Rascheln der Bäume vor dem Fenster, im Tropfen der Regenrinne draußen. Alles sprach. Nur leise. Und irgendwie ehrlicher.

Ich lag wach.

Seit einer Stunde vielleicht. Oder zwei. Zeit verlor hier nachts ihren Takt. Clara atmete ruhig im Bett gegenüber. Ich wusste nicht, ob sie wirklich schlief oder einfach nur so tat. Wir hatten heute kaum miteinander gesprochen. Kein Streit, nichts Offenes – aber auch nichts Echtes. Zwischen uns lag eine Stille, die sich nicht wie Frieden anfühlte. Sondern wie etwas, das keiner zuerst ansprechen wollte.

Auf dem Flur 

Ich hielt es nicht mehr aus. Das Zimmer war zu eng, zu still, zu aufgeladen. Ich schob die Decke zur Seite, setzte die Füße auf das kalte Holz und schlich mich hinaus. Kein Ziel, nur das Bedürfnis nach Luft. Nach Weite. Nach einem Ort, der nicht flüsterte, was ich gerade nicht fühlen wollte.

Der Flur war dunkel, nur von den alten Notlichtern erhellt, die wie Geister in den Ecken glühten. Ich nahm die Treppen, langsam, barfuß, jeden Schritt bewusst. Unten angekommen, trat ich hinaus in den Innenhof.

Gedanken

Die Nacht war kühl. Nicht kalt, nur klar. Der Himmel war wolkenlos, voller dunkler Tiefe, ohne Sterne. Und trotzdem wirkte er offen, als könnte man darin für einen Moment verschwinden. Ich ging zur alten Steinmauer beim Brunnen, setzte mich. Der Stein war feucht vom Tau. Ich zog die Knie an mich, legte das Kinn darauf und schloss die Augen.

Und da war er wieder, dieser Gedanke, der sich seit Tagen nicht abschütteln ließ: Was passiert, wenn man sich in jemanden verliebt, den eine andere liebt? Ich hatte James nicht gesucht. Nicht gewollt. Und doch war da etwas. In seinem Blick. In der Art, wie er schwieg. Wie er mich angesehen hatte, als wir uns das erste Mal begegnet waren. Nicht neugierig. Nicht flüchtig. Sondern... als hätte er mich bereits irgendwo gekannt. Und ich ihn auch.

Ich war nicht bereit dafür. Nicht hier. Nicht jetzt. Und ganz sicher nicht, wenn Clara jeden Blick bemerkte.

James

Ich hörte ihn, bevor ich ihn sah.

Die Schritte waren nicht schwer. Aber anders als die anderen. Kein Lehrer, kein Nachtspaziergänger, der vergessen hatte, dass man leise sein musste. Ich drehte den Kopf – und da war er. James. Im Halbdunkel. Die Hände in den Jackentaschen, die Schultern leicht hochgezogen, als würde er sich vor der Kälte schützen oder vor sich selbst.

Er blieb stehen, als er mich sah. Und ich wusste nicht, ob ich wollte, dass er bleibt – oder dass er geht. Beides hätte sich falsch angefühlt.

„Auch schlaflos?“ Seine Stimme war leise. Fast rau.

Ich nickte. „Seit Tagen.“

Clara

Er trat näher. Setzte sich, mit einem kleinen Abstand zwischen uns, der gerade so reichte, um die Spannung nicht sichtbar werden zu lassen. „Manchmal glaube ich, das Haus denkt mit“, sagte ich nach einer Weile. „Tagsüber wirkt es stumm, aber nachts... da erzählt es alles. Nur flüstert es.“ James lächelte. Nicht spöttisch. Eher nachdenklich. „Vielleicht hören wir nachts einfach genauer hin.“ Ich drehte den Kopf zu ihm. Er sah nicht mich an, sondern den dunklen Himmel. Die Konturen seines Gesichts wirkten weicher im Licht der Hoflaterne. Weniger kontrolliert. Mehr er selbst.

„Clara ist leise geworden“, sagte ich.

Ich spürte, wie sich seine Haltung veränderte. Nicht viel. Nur ein leichtes Spannen der Schultern. Ein kurzes Innehalten.

„Ich weiß“, sagte er. Und dann noch einmal langsamer: „Ich weiß.“

„Sie mag dich sehr.

Etwas hat sich verändert

Er schwieg. Und in dem Schweigen lag so viel mehr als in jedem Wort davor. Es war kein schlechtes Schweigen. Kein verlegenes. Sondern eines, das kämpfte.

„Ich will das nicht kaputt machen“, sagte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Du hast nichts kaputt gemacht“, antwortete er sofort. Ich blickte wieder geradeaus. „Vielleicht reicht es ja schon, da zu sein.“

James drehte sich zu mir. Und diesmal sah er mich an. Nicht kurz. Nicht vorsichtig. Sondern so, als wollte er alles sehen, was ich dachte – und vielleicht auch, was ich verheimlichte. „Als du durch das Tor kamst, war es, als hätte sich etwas verändert. Ich weiß nicht, was. Nur... dass ich es gespürt habe.“

Nächtliche Gespräche

Ich schluckte. Mein Herz war laut. Lauter als alles andere.

„Ich habe Clara gern“, sagte ich. „Wirklich.“

„Ich auch.“

„Aber?“

Er schwieg lange. Dann sagte er: „Aber dich vergesse ich nicht. Nicht mal, wenn ich will.“

Die Worte hingen zwischen uns, warm und gefährlich. Ich schloss die Augen für einen Moment. Als ich sie wieder öffnete, war die Welt noch immer dieselbe – aber sie fühlte sich anders an.

Wir saßen noch eine Weile da. Ohne zu sprechen. Ohne uns zu berühren. Aber irgendwie war da trotzdem etwas zwischen uns. Etwas, das keine Eile hatte, aber auch nicht verschwinden würde.

Und ich dachte:

Vielleicht reden Nächte wirklich anders. Vielleicht trauen sie sich einfach mehr.

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Eure Kommentare

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Genau so cool wie die anderen🩷!

LG Skatergirl

Sehr poetisch :) Vielleicht wäre ein bisschen Handlung mehr Handlung gut, aber du schreibst sehr schön (und toller Titel!).