Eure Geschichten

Kapitel 8 – Stille Zwischenräume

Schritte 

Clara hatte nie geglaubt, dass der Klang von Schritten so viel sagen konnte. Doch an diesem Abend, auf dem Rückweg vom Abendessen, hörte sie Milas Schritte hinter sich und wusste: Etwas war anders.

Sie waren leiser als sonst. Nicht schleppend, nicht zögernd. Aber auch nicht mehr so rhythmisch, wie an den Tagen davor. Es war, als würde Mila sich nicht entscheiden können, ob sie stehen bleiben oder weitergehen wollte. Und vielleicht, dachte Clara, wollte sie genau das: beides zugleich.

Der Flur war nur schwach beleuchtet. Das Licht der alten Lampen an der Decke flackerte wie der letzte Rest eines Traums, und der Wind pfiff durch die Fensterrahmen, als würde er etwas suchen, das er verloren hatte. Clara blieb stehen, drehte sich halb um. „Alles okay?“

Mila nickte. Zu schnell.

Clara sagte nichts. Was hätte sie sagen sollen?

James und Mila 

Sie hatte sie gesehen. Heute Nachmittag, im Innenhof. Wie James stehen geblieben war, obwohl er längst hätte weitergehen können. Wie er Milas Namen gesagt hatte – leise, fast ehrfürchtig. Wie Mila ihn angesehen hatte. Und wie sie beide für einen Moment ausgesehen hatten wie Figuren aus einem Gemälde, das jemand absichtlich in den falschen Raum gehängt hatte, damit man es nie übersieht.

Sie waren schön, diese beiden. Auf eine stille, beinahe unfreiwillige Weise. Und Clara wusste nicht, was ihr mehr weh tat – dass sie das bemerkte, oder dass sie sich selbst dabei bemerkte, wie sehr sie dazugehören wollte.

Im Zimmer

Im Zimmer angekommen, ließ Mila sich langsam aufs Bett sinken. Ihr Blick war vage, auf etwas gerichtet, das Clara nicht sehen konnte. Vielleicht ein Gedanke. Vielleicht ein Gefühl. Vielleicht James.

Clara hängte ihre Jacke über den Stuhl, fast zu laut. „War ein langer Tag“, sagte sie, wie zur Tarnung. Mila nickte wieder. Wieder dieses zu schnelle Nicken, wie ein Reflex, nicht wie Zustimmung. Clara hasste das. Nicht Mila. Nie Mila. Aber dieses Schweigen, das sich ausbreitete wie feiner Staub über einem Tisch, den man nicht mehr benutzt. Dieses Gefühl, dass ein Gespräch in der Luft hing, aber keiner den Mut hatte, es zu führen.

„Er war heute wieder in der Bibliothek“, sagte Mila irgendwann, leise. Zu leise. Claras Hände verkrampften sich in ihrem Pulloverstoff. Sie drehte sich nicht um. „James?“

„Mhm.“

Bücher

Ein Summen. Ein leichtes Geräusch. Kein Name, keine Betonung. Und doch war er plötzlich da. Zwischen ihnen. „Er liest viel“, sagte Clara. „Manchmal denke ich, er lebt mehr in seinen Büchern als in der echten Welt.“ „Vielleicht ist es da einfacher“, antwortete Mila. Sie legte sich zurück, starrte an die Decke. „In Büchern weiß man, wer man ist. Oder wenigstens, wer man sein könnte.“

Clara setzte sich auf die Fensterbank. Der Himmel war dunkel, durchzogen von den kahlen Ästen der Kastanie, unter der so vieles begonnen hatte. Sie erinnerte sich an das erste Mal, als James ihr ein Buch empfohlen hatte. Daran, wie sie gehofft hatte, dass das der Anfang von etwas war. Und vielleicht war es das auch gewesen. Nur nicht von dem, was sie gedacht hatte.

Magst du ihn? 

Sie wagte einen Blick zu Mila. Wie sie da lag – still, verletzlich, mit dieser unausgesprochenen Nähe zu etwas, das Clara nie ganz erreichen konnte. „Du magst ihn, oder?“, fragte Clara schließlich. Ihre Stimme war ruhig. Zu ruhig. Mila drehte den Kopf. Ihre Augen waren offen, aber vorsichtig. „Ich... ich weiß es nicht.“

Clara nickte. Nur einmal. Und doch fühlte es sich an wie ein Abschied. „Du musst dich nicht rechtfertigen“, sagte sie nach einer Weile. „Ich weiß, wie das ist. Man sucht sich das nicht aus.“ Mila sah sie lange an. Dann flüsterte sie: „Ich will dir nichts wegnehmen.“

Wahrheit

Und das war der Moment, in dem Claras Fassade zu bröckeln begann. Nicht mit Tränen. Nicht mit Wut. Sondern mit einem einzigen, ehrlichen Satz: „Ich glaube, du musst gar nichts wegnehmen. Es war vielleicht nie wirklich meins.“

Sie standen beide in dieser stillen Wahrheit, ohne sich zu berühren, ohne sich weiter anzusehen. Zwei Mädchen in einem Raum, in dem gerade mehr gesagt wurde als in allen Gesprächen davor.

Und draußen, in der Dunkelheit, raschelte der Wind durch die Blätter der Kastanie, als würde er einen neuen Anfang flüstern – einen, den noch niemand ganz verstand.

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Eure Kommentare

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I love it ❤ das ist soooo toll❤❤❤ wann kommt das nächste Kapitel?❤

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cool wann kommt kapitel 9

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Das ist suuupeeer schön geschrieben💖🩷!

LG Skatergirl