Kapitel 9 – Zwischen den Tasten
Im Musikraum
Ich blieb noch eine Weile im Musikraum sitzen, nachdem Mila gegangen war. Die Tür schloss sich leise hinter ihr, und plötzlich fühlte ich mich so leer, als hätte jemand ein Loch in meine Brust gerissen. Ich starrte auf die Tasten vor mir, aber keine Melodie wollte daraus entstehen.
„Warum ist das alles so kompliziert?“, fragte ich mich. Ich hatte gedacht, dass es leichter wäre, ihr zu sagen, was ich fühle. Dass ich endlich klarmachen könnte, was in mir vorgeht. Doch als ich es tat, sah ich nur dieses Zögern in ihren Augen. Kein Ja, kein Nein. Ein Schweigen, das lauter war als jedes Wort. Ich wusste nicht, wie ich das deuten sollte.
Ich fuhr mir durchs Haar und lehnte mich zurück. Die Wände des Musikraums schienen sich um mich zu schließen, das gedämpfte Licht machte alles nur noch schwerer. In diesem Moment wünschte ich mir Klarheit. Einen Wegweiser. Einen Plan. Aber da war nur die Ungewissheit.
Schuldgefühle
Und dann war da Clara.
Ich dachte an sie und konnte nicht anders, als mich schuldig zu fühlen. Sie hatte mich so lange begleitet – auf eine Weise, die mehr war als Freundschaft, auch wenn wir nie darüber gesprochen hatten. Jetzt spürte ich, wie sie Stück für Stück aus meinem Leben verschwand, und ich konnte nichts dagegen tun.
Ich dachte an all die Momente mit ihr: die kleinen Streiche, das gemeinsame Lachen, die Blicke, die wir austauschten, wenn keiner hinsah. Und ich fragte mich, ob ich das alles für Mila aufgegeben hatte. Ob es das wert war.
Langsam stand ich auf und ging zum Fenster. Draußen war es still, nur der Wind bewegte die Blätter der Bäume. Ich wollte Klarheit, aber ich hatte Angst vor den Konsequenzen. Ich wusste, dass ich jetzt Entscheidungen treffen musste – Entscheidungen, die nicht nur mein Herz, sondern auch das Herz von anderen verletzen könnten.
Entscheiden
Ich seufzte tief und dachte daran, was Mila gesagt hatte, aber auch an das, was sie nicht gesagt hatte. An das, was zwischen den Zeilen stand. Und dann ertönte die leise Uhr im Flur, als wollte sie mich daran erinnern: Du kannst nicht beide behalten. Ich wusste, dass ich einen Weg finden musste – auch wenn der erste Schritt schmerzhaft sein würde.