Lotussterns Stolz (Short Adventure) Teil 7
Wo ist Regentropfen?
"Regentropfen?" Lotusstern sah angestrengt in die Dunkelheit. "Regentropfen, es ... ich wollte nicht so sein. Ich war nur so aufgebracht. Ich habe mich benommen wie ein dummes, vorlautes Junges. Es tut mir leid. Bitte ... wo bist du?" Sie schloss die Augen und öffnete ihr Maul, wobei ihr erneut schlecht wurde von dem Gestank des Krähenfraßes. Ein Windhauch trug den Geruch von dem jungen, etwas frechen Kater heran. "Bitte komm zurück. Ich wollte dich nicht verletzen. Ich habe doch nur ... ich weiß jetzt, dass es falsch war. Ich bin zur Besinnung gekommen." Sie ließ ihren Schwanz hängen und merkte, wie Regenglanz zu einem Satz ansetzen wollte. Er schien fieberhaft nach einer Erklärung zu suchen, um sie in Schutz zu nehmen. Das mag ich an ihm. Er ist auf meiner Seite, aber auch häufig neutral.
Regenglanz
"Regentropfen ... hast du gemerkt, dass dir manchmal eine Katze auf die Jagd gefolgt ist, oder dass ab und zu mal ein Ast geknackt hat? Das war ich. Ich habe auf Lotusstern aufpassen wollen, weil ich weiß, dass sie manchmal etwas ... naja ... äh ..", er wollte sie anscheinend nicht beleidigen. "Sie kann manchmal etwas argwöhnisch sein und begegnet nicht immer sofort allen freundlich. Ich habe ihr eben gut zugesprochen. Ich habe ihr gesagt, dass du noch jung bist. Du bist klug für einen Kater deines Alters." Regenglanz schob sich an ihr vorbei und glitt mit einem Seufzer näher. In dem Moment raschelte es vor ihnen und eine kleine Gestalt sauste davon.
Komm zurück Regentropfen
"Warte!", rief Lotusstern verzweifelt. Doch Regentropfen schien sie nicht zu beachten. "Pff, wir wollten nett sein, wenn er das nicht will", sagte sie etwas beleidigt. "Dann kann er ja gut allein klarkommen. Lassen wir ihn gehen. Er will ja." "Lotusstern, begreifst du nicht? Du hast sein Vertrauen verletzt. Wieso sollte er jetzt noch zurückkommen? Er hat allen Grund zu gehen. Du musst ihn dir erarbeiten. Er denkt, er ist dir nicht mehr wichtig. Das war es doch, was er immer wollte. Insgeheim hat er gedacht, du liebst ihn, wie eine Mutter ihr Junges." unterbrach Regenglanz sie. Lotusstern atmete hörbar tief ein. "Er hat gedacht, ich liebe ihn, wie eine Mutter ihr Junges?" Sie schaute ihn ungläubig an. "Ich habe ihn jedenfalls gut genug beobachtet, um das festzustellen."
Ihm nach
Regenglanz sah ihr in die Augen, mit einem bedeutungsvollen Blick in den tiefblauen Augen. "Das wusste ich nicht", flüsterte sie mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. "Ich hätte es wissen müssen. Was hat er sich dabei nur gedacht!? Ich mochte ihn, aber nie ... hätte ich eine fremde Katze so geliebt wie mein Junges." "Weißt du das denn ganz genau? Du hast mich getroffen. Ich war ein ... naja, Fremder. Und du liebst mich doch!?" "Und ob ich das tue! Habe ich dir das nicht eben gesagt?!" "Dann zeig Regentropfen, dass du seine Liebe erwiderst. Er braucht eine Mutter. Und wenn es nicht einmal seine eigene ist. Er braucht jemanden, der ihn schützt, auch wenn es am Anfang nicht so für dich ausgesehen hat."
Auf der Suche
"Hier ist sein Geruch sehr stark!" Regenglanz blieb an einem Baum stehen. "Wehe, ich muss nochmal eine Klettertour machen. Und wehe, ich bekomme wieder einen Ästeregen geschenkt!" knurrte Lotusstern genervt. "Jetzt müssen wir ihn auch noch suchen. Warum muss er sich so anstellen?" "Lotusstern", ermahnte sie Regenglanz. "Hast du gesehen, wie er sich bemüht hat, dir zu folgen? Diese Mühe werden wir jetzt auch haben müssen. Er will, dass wir ihm beweisen, dass du ihn wirklich aus ganzem Herzen gern hast." "Na gut", murrte sie. "Tatsächlich, er ist hier hinauf." Regenglanz schnupperte und blinzelte besorgt, als er in Lotussterns Blick Angst aufblitzen sah. "Höhenangst?", fragte er vorsichtig. "Als ob ich ...", sie verstummte, als ihr bewusst wurde, dass das ihre Chance sein könnte am Boden zu bleiben. "Ja", gab sie zu. "Ich habe Höhenangst und ich ..." sie spähte hinauf und hatte plötzlich keine Angst mehr. "Aber ich werde ihn nicht hängen lassen!" Mit diesen Worten zog sie sich den Baum hinauf. Ihre Pfoten brannten, als sie wieder und wieder abrutschte. Mit einem peinlich berührten Gefühl, sah sie ein, dass man keinen Baum ohne ausgefahrenen Krallen hochklettern konnte. "Äh", schnell fuhr sie die Krallen aus und stemmte sich weiter nach oben.
Hoch oben
Keuchend blieb sie in der Baumkrone sitzen. "Hätte ich gewusst, dass allein das heraufklettern so anstrengend ist, hätte ich", sie rang nach Atem. "Dann hätte ich nicht hier oben nach ihm gesucht, sondern unten. Vielleicht wollte er uns auch nur ärgern und ist deshalb auf der anderen Seite gleich wieder runter. Wenn das so ist, zerfetze ich ihm sein flauschiges Fell, wenn wir ihn gefunden haben." Fauchte sie. Als ob ich so etwas tun würde, aber Regenglanz soll verstehen, wie sehr mir dieser Kater an den Nerven zerrt. Ihre Pfoten sahen so aus, als hätten sie dringend eine Behandlung nötig, nur leider gab es hier in der Nähe keine Heilerkatze, oder doch? Selbst wenn es hier eine gebe, hätten wir keine Zeit sie nach einer Behandlung zu fragen. Regentropfen könnte da draußen umkommen. Jede Sekunde!
Der Sturz
Sie raste auf den Ästen entlang und suchte stetig nach seinem Geruch. "Und ich dachte, du hast Höhenangst!", rief aus der Ferne Regenglanz Stimme. "Wohl eher nicht! Ich habe es gedacht, aber jetzt gibt es etwas Wichtigeres, als sich damit auseinanderzusetzen, ob ich nun Höhenangst habe oder nicht!" Mit immer schneller werdendem Puls rannte sie der Geruchsspur von Regentropfen nach. "Regentropfen! Es tut mir leid! Warte! Ich hatte Unrecht!" Rief sie verzweifelt in den Wald. Ein schwarzer Umriss erschien vor ihr, doch sie war zu schnell, als dass sie das Wesen erkennen konnte. Sie prallte mit ihm zusammen und fiel. Mit einem erstickten Aufschrei ruderte sie mit den Pfoten in der Luft und prallte kurz darauf auf den Boden. "Lotusstern!", rief in der Ferne eine Stimme ganz leise. Sie versuchte gleichmäßig zu atmen und wach zu bleiben, doch es gelang ihr nicht. Mit der Zeit wurde ihr Atem schwächer und sie sank in einen schwarzen Nebel der Verzweiflung. Heiser sagte sie noch: "Regentropfen ist in Gefahr, such ihn, anstatt hier zuzusehen, wie ich sterbe." "Nein Lotusstern, alles wird gut, ich bin mir ... du .. kann ... Regentropfen ... egal ... aufstehen ... allein ..." Sie erkannte, dass es keinen Sinn hatte noch zuzuhören und ließ sich treiben, die Sätze wurden Wörter und plötzlich verklang alles. Mutlos verfiel sie in einen traumlosen Schlaf ...