Eure Geschichten

Sommercamp des Horrors

Sonnenbrillen, Abenteuer und Natur

„Linh! Linh!! LINH!!!” Ich sah aus dem Fenster. Unten stand meine beste Freundin Cleo. Über das letzte Schuljahr hatte sie sich verändert. Sie trug nun eine Lederjacke und Jeans mit Löchern. Mit meinen gebundenen Haaren sah ich neben ihrem Look und ihren roten Locken brav aus. “Was gibt’s?”, antwortete ich schläfrig. Es war schon ziemlich spät. Aber Cleo wollte nichts davon hören. „Linh, ab runter mit dir! Sei nicht langweilig. Wir müssen einen Plan machen.“ “Jetzt noch?” “Natürlich, fürs Sommercamp!” Da konnte ich nicht nein sagen. Bis spät abends saßen wir zusammen und schmiedeten Pläne. Neue Freundinnen, coole Sonnenbrillen und Abenteuer in der Natur – das alles war zum Greifen nah. Schließlich legte Cleo ihren Kopf auf meine Schulter und sagte zufrieden: “Ich glaube, das wird ein richtig guter Sommer.”  

Und dann war es so weit. Zwei Wochen Sommercamp mit all unseren Freunden. Am ersten Abend im Camp konnten sich Hassan, Alex und Cleo vor Aufregung gar nicht mehr halten. Ich war nervös. Als die drei Volleyball spielten, blieb ich bei den jüngeren Kindern. Die kleine Mia erzählte mir von ihren Erfahrungen mit dem Sommercamp. Sie war schon letztes Jahr dabei gewesen. Der Campleiter Herr Wagner war streng, aber es konnte sehr schön sein. Ich sah meinen Freunden zu. Hassan und Alex waren gewachsen. Bald würde sich ihre Stimme verändern. Und ich dachte wieder daran, wie viel erwachsener Cleo nun wirkte. Nur ich war gleichgeblieben. Dachte Cleo wirklich, ich sei langweilig? Ich musste sie vom Gegenteil überzeugen. Und mich selbst auch.

Nachtwanderung mit Folgen

Also weckte ich sie, als alles still war. “Hast du Lust auf eine Nachtwanderung?” Eigentlich hatte ich selbst keine Lust. Doch Cleo war direkt begeistert. Also nahmen wir die Taschenlampe, zogen leise die Schuhe an und schlichen aus unserem Zimmer. Nach zehn Minuten voller “Oh je, gleich stolpere ich!” und “Oh mein Gott, hast du das auch gehört?” kamen wir zu einer Lichtung im Wald. Ein Fluss in der Nähe rauschte. Ab und zu hörten wir Tiergeräusche. Und dann bemerkten wir das Allerbeste: “Wow”, sagte ich, und Cleos Augen wurden groß. Die Luft war voller Glühwürmchen. Sie schwirrten umher und sahen aus wie winzige, leuchtende Sterne. Ich glaube, ich habe selten so etwas Schönes gesehen. Cleo und ich lächelten einander an. “Das war eine richtig gute Idee!”  

“Das war es SICHER NICHT!” Wir wirbelten herum. Vor uns stand Herr Wagner. Ihn schienen die Glühwürmchen ganz und gar nicht zu beeindrucken. „Mädchen, was macht ihr hier draußen? Das dürft ihr nicht“, rief er zornig. Cleo wollte etwas erwidern: “Wir … wir wollten …” Herr Wagner unterbrach sie. „Ist mir egal, was ihr wolltet. Wer von euch hatte die Idee?” Ich sah, wie Cleo zum Sprechen ansetzte. Bevor sie ein Wort herausbekam, trat ich ihr auf den Fuß. Mit zitternder Stimme sagte ich: „Die Idee kommt von mir. Cleo hatte nichts damit zu tun.“  

Am nächsten Morgen aßen wir Frühstück mit den anderen. Hassans Augen wurden riesig, als er von unserem nächtlichen Abenteuer hörte. “Ihr habt WAS gemacht?” Auch Alex war vollkommen aufgedreht: „Das ist ja magisch. Wie sahen die Glühwürmchen aus?“ Zum Schluss wollten die beiden wissen, wie Cleo und ich geschnappt wurden. „Ach … das war echt peinlich. Aber zum Glück ist das jetzt vorbei“, erklärte ich. Da kam Herr Wagner auf die Gruppe zu. Er erklärte den Plan für heute: Ein Ausflug zum See. Wir freuten uns alle riesig. Doch dann fiel Herr Wagners Blick auf mich: „Vielleicht wäre es gut, wenn du hierbleibst, Linh. Dann kannst du ein bisschen nachdenken. Ausflüge sind nur für Kinder, die sich benehmen.“ Er wandte sich an die anderen Kinder. „Als wir alle geschlafen haben, war Linh auf einem ganz eigenen Ausflug. Obwohl ich das verboten habe. Jeder muss sich an die Regeln halten, sogar du, Linh.“ Er schaute mich durchdringend an, und ich wurde rot. "Vielleicht bist du auch nicht die hellste Kerze." Herr Wagner wandte sich an alle anderen: "Deshalb bleibt Linh heute hier im Camp." Alle Kinder schauten weg. Auf ihre Füße oder in den Wald, niemand sah mich oder Herrn Wagner an. Schon wieder wollte Cleo reden. “Lass es”, zischte ich ihr zu. Dann lief ich schnell davon.    

Nicht allein

Abends setzte ich mich nicht zu Cleo, Hassan und Alex. Ich wollte lieber für mich sein. Die Situation vom Morgen war mir immer noch unangenehm. Und es wurde noch schlimmer: Herr Wagner meinte, dass ich abwaschen sollte. Ganz allein. Ich hatte Angst vor ihm, davor, dass er noch mehr Schlechtes über mich sagen würde. Was sollten die anderen Kinder von mir denken? Also diskutierte ich nicht. Während ich die Berge von Tellern abspülte, kamen mir endgültig die Tränen. Nichts mit perfektem Sommer. Bis jetzt war es das Sommercamp des Horrors!

“Linh, weinst du etwa?” Cleo hatte sich leise zu mir geschlichen. Ich drehte mich weg. „Ich habe dir etwas mitgebracht. Vom Baden.” Sie reichte mir eine Muschel und einen schimmernden Stein. „Am liebsten hätte ich dir auch noch ein Eis mitgebracht. Aber das hätte ich ja nicht in die Hosentasche stecken können.“ Da mussten wir beide schmunzeln. „Und jetzt: Raus mit der Sprache! Wir wollten doch beide nachts raus. Warum lässt du mich nicht auch Schuld haben? Und warum unternimmst du nichts gegen Herrn Wagner?“ „Man, Cleo! Du denkst immer, alles wäre einfach. Es bringt nichts, wenn du auch bestraft wirst. Und ein bisschen verstehe ich auch, warum Herr Wagner wütend ist. Aber da kann man nichts machen. Was soll ich gegen ihn tun, so ganz allein?“ Meine Angst war wieder da. Doch dann fühlte ich die Muschel und den Stein in meinen Händen. Die Muschel war geriffelt, der Stein war glatt. Ich atmete tief. Ich war nicht allein. Wir setzten uns hin und ich begann zu reden:  

„Weißt du, Cleo, du bist so erwachsen geworden. Das seid ihr alle irgendwie. Neben euch fühl ich mich klein. Deshalb wollte ich auch mit dir ausbrechen. Damit du nicht denkst, dass ich langweilig bin. Aber jetzt ist alles schlimmer. Vielleicht glauben die anderen Kinder die gemeinen Sachen, die Herr Wagner über mich gesagt hat.“ Cleo dachte nach. „Das hätte er nicht sagen sollen. Er ist erwachsen und er sollte nicht gemein zu dir sein. Er hat kein Recht, dich zu beleidigen. Und übrigens: Ich finde dich gar nicht langweilig. Du bist mutig. Und was die anderen von dir halten, ist egal.“

Putztag

Das gab mir Kraft für den nächsten Tag. Herr Wagner erklärte, dass heute Zeit für den Kletterwald wäre. Seine Augen funkelten gemein. Denn für mich war natürlich keine Zeit für den Kletterwald. Diesmal sollte ich die Böden wischen, erklärte er feierlich. Ich hielt seinem Blick stand. “Ich finde es nicht fair, vor allen bestraft zu werden.” Cleo stimmte ein: „Und ich finde es nicht fair, dass nur Linh bestraft wird. Wir haben beide etwas falsch gemacht.“ Herr Wagner wurde rot. “Wenn du so darum bittest, dann bleibst du eben auch hier.” Da meldeten sich Hassan und Alex zu Wort. “Wir bleiben auch.” Und dann passierte etwas Unerwartetes. Immer mehr Kinder wollten mitreden. Sie alle wollten bleiben. Herr Wagner war wütend. “Gut, dann bleibt hier und heute ist Putztag für alle”, schnaubte er. Als er weg war, wandte ich mich an die anderen Kinder: “Das hättet ihr nicht machen müssen.” Ausgerechnet die kleine Mia begann zu reden. Auf ihrem Gesicht war ein breites Lächeln. „Wir waren die ganze Zeit auf deiner Seite, Linh. Gemeinsam sind wir stark, da kann auch Herr Wagner nichts gegen tun.“

Als wir mit dem Putzen fertig waren, lagen wir gemeinsam auf dem Rasen. Die Wolken veränderten sich stetig. „Eins frage ich mich“, Alex spielte mit einem Grashalm: “Warum ist Herr Wagner so gemein?” “Manche Menschen sind eben gemein”, kam es knapp von Cleo zurück. Hassan meinte: „Das glaube ich nicht. Jetzt ist er gemein, aber das war sicher nicht immer so.“ Den Gedanken konnte ich verstehen. Ich stellte ihn mir in unserem Alter vor. Vielleicht waren die Erwachsenen früher so zu ihm, wie er nun zu uns. „Ich glaube, er weiß nicht mehr, wie es als Kind war. Er verstand ja auch nicht, wie schön die Glühwürmchen sind“, sagte ich. “Lasst uns niemals so werden.”

Ende

Dein Kinderrecht

Kinder haben ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt. Kinder sollen keine körperliche Gewalt erfahren müssen. Sie müssen auch vor seelischer Gewalt geschützt werden. Beleidigungen, Herabsetzen und Kleinmachen gehören zu seelischer Gewalt. Kinder dürfen auch nicht übermäßig bestraft werden. In der Geschichte wird Linh von dem Betreuer Herr Wagner bloßgestellt und vor anderen Kindern beleidigt. Er bestraft sie hart und immer wieder.  

Fragen zum Nachdenken

  • Erwachsene können wütend auf Kinder sein. Was dürfen sie dann tun und was nicht?
  • Herr Wagner schließt Cleo aus und sagt gemeine Sachen zu ihr. Wie hätte er stattdessen mit der Situation umgehen sollen?
  • An wen kannst du dich wenden, wenn sich eine erwachsene Person falsch verhält?

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