Eure Geschichten

Zeitung für alle

Ein klitzekleines Riesenproblem  

Acht Augen, ein Satz: “Nachdem die Stadtratsmitglieder, erschöpft wegen der kontroversen Haushaltsdebatte, aus dem historischen Rathaus traten, stellten sie ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Bewältigung der prekären Situation vor.”

Vier Köpfe waren über die Tageszeitung gebeugt. Der Kopf von Alex, von Hassan, von Linh und von mir. “Also, das ist ja sicher ganz interessant …”, begann Linh. “Genau, da ist nur so ein klitzekleines Problem …”, meinte Hassan. “Ja, ein ganz kleines”, stimmte Alex zu.  

Aber ich fand das Problem gar nicht mal so klitzeklein. “Also, für mich ergibt das alles keinen Sinn.” Die anderen drei atmeten erleichtert aus. Für sie nämlich auch nicht – und das, obwohl alle aus unserer Stadt die Zeitung so wichtig fanden. Unsere Eltern liefen jede Woche mit der neuesten Ausgabe herum und unterhielten sich angeregt über Artikel. Doch für uns klang das Geschriebene so schwierig. Alex, Hassan und Linh fanden das ziemlich schade – und ich fand es so richtig unfair. Warum sollten wir denn nicht auch wissen, was in unserer Stadt passiert? Also musste ein Plan her.

Mein Sinn für Gerechtigkeit

Erwachsene sagen mir immer: “Du hast ja einen großen Sinn für Gerechtigkeit.” Ob sie das aber gut finden, weiß ich nicht so ganz. Oft läuft es nämlich so ab: Da ist etwas, das mich stört. Und weil ich es unfair finde, spreche ich es an. Die Erwachsenen schütteln den Kopf und seufzen und reden über meinen Sinn für Gerechtigkeit. Sie suchen keine Lösung. Wenn ich dann noch weiterrede und fordere, dass sie wirklich etwas ändern, werden ich und mein Sinn für Gerechtigkeit vor die Tür geschickt. Ich soll mich dann beruhigen und nicht mehr stören.  

Ein Sinn für Gerechtigkeit ist eigentlich nur gut, wenn man schon erwachsen ist. Das dachte ich mir und klopfte an die Tür der Direktorin. Dieses Mal – mit der viel zu komplizierten Zeitung – war es mir wirklich, wirklich wichtig.

“Herein!”, rief unsere Direktorin Frau Schmidt. In ihrem Büro stand die übliche Zimmerpflanze und es roch nach dem üblichen Kaffee. Nur eine Sache war gar nicht so wie üblich: Der Raum war voller Lehrkräfte. “’tschuldigung, wenn ich störe, kann ich auch später vorbeischauen”, stammelte ich. Frau Schmidt rollte genervt die Augen. „Du schon wieder, Cleo! Bleib. Aber mach, dass es schnell geht“, sagte sie. Ich schilderte ihr unser Problem. „Und deshalb brauchen wir eine Zeitung für uns! Oder irgendwas anderes! Uns ist es wichtig, dass wir auch wissen, was los ist.“  

Frau Schmidt erwiderte: „Soso, ich verstehe das. Aber eine ganze Zeitung für euch Kinder? Wer hat denn Zeit für so etwas? Seht es doch so: Was ihr jetzt nicht versteht, das versteht ihr eben später. Man muss auch nicht alles wissen. Alle, die vor euch Kinder waren, hatten auch keine extra Zeitung – und denen ging es gut damit. Für euch gibt es keine Extrabehandlung.“ „Aber …“ „Das reicht jetzt. Kein Aber. Du triffst hier nicht die Entscheidungen.“ Ich wurde ganz rot. “Sie … sie blöde Kuh!”, platzte es aus mir heraus. Damit rannte ich aus dem Büro.  

“Kindgerecht”

Noch am nächsten Tag dachte ich an Frau Schmidts Worte. Ich grübelte, als ich über den Schulhof lief. Warum sollte alles so bleiben, wie es war? Es gab doch auch bessere Wege. Da riss Herr Nowak mich aus meinen Gedanken. „Cleo, ich will noch einmal mit dir reden. Wegen gestern.“ Eigentlich mochten wir Herrn Nowak alle. Er war jünger als die anderen Lehrer und machte viele Witze. Und Linh fand ihn insgeheim ein bisschen süß. Aber heute wollte ich nicht mit ihm reden. Was, wenn er mich für gestern bestrafen wollte? Kann man von der Schule fliegen, weil man die Direktorin eine blöde Kuh genannt hat?

„Ich gehe mich noch bei Frau Schmidt entschuldigen – versprochen! Lassen Sie mich in Ruhe damit“, fauchte ich ihn an. Die ganze Sache war mir ein bisschen unangenehm. „Ja, das solltest du vielleicht. Beleidigungen sind nicht schön.“ Herr Nowak wurde nachdenklich. „Ich glaube, du hast einen großen Sinn für Gerechtigkeit. Der treibt dich dazu, manchmal verrückte Sachen zu machen.“ Nicht das schon wieder! Warum konnten nicht alle mich und meinen Sinn für Gerechtigkeit in Frieden lassen?  

“Aber das nervt alle am Ende nur, oder wie?”, gab ich zurück. Er schüttelte den Kopf. „Cleo, glaubst du wirklich, dass alle so über dich denken? Die Welt gerechter machen zu wollen, ist wertvoll. Auch wenn man dabei manchmal ein bisschen viel auf einmal will. Ich habe nochmal über gestern nachgedacht. Ich finde, dass du eigentlich sehr mutig warst. Du und die anderen Kinder solltet eine Zeitung haben, die ihr gut versteht – die sozusagen “kindgerecht” ist. Darauf habt ihr ein Recht.“ Als Herr Nowak das sagte, war ich plötzlich richtig fröhlich. Doch wie sollten wir die Situation verändern? Herr Nowak lächelte: “Ich glaube, ich habe eine gute Idee!”

Die Zeitung

Gesagt, getan. Am Freitag trafen wir uns mit Herrn Nowak in der Schulbibliothek. Alle waren gekommen. Nun sahen mich Linh, Alex und Hassan mit großen Augen an. „Eine Schulzeitung? Und wir schreiben sie selbst?“, fragte Hassan. Ich nickte voller Vorfreude. „Ganz genau! Wir bringen jeden Monat eine Zeitung raus, nur für Kinder. Und wir schreiben über alles, was uns interessiert. Herr Nowak hilft uns mit den wichtigsten Nachrichten und der Organisation.“

Sofort redeten alle durcheinander. „Das ist ja klasse! Dann berichte ich über die Technik-AG!“, sagte Linh. “Und ich schreibe über den Debattierclub!”, meinte Hassan. Nur eine Person sagte nichts. “Und was machst du, Alex?” Alex war ganz still in seiner Ecke. „Ach, ich weiß nicht. Schreiben liegt mir nicht so. Und ihr seid eh alle viel besser im Deutschunterricht. Warum wollt ihr mich überhaupt dabeihaben?“ „Nicht jeder muss Deutschstunden gerne mögen. Bei mir in Kunst bist du aber richtig gut“, gab ihm Herr Nowak zu denken. „Ich weiß, was du machen kannst! Du malst Comics für unsere Zeitung!“, platzte es aus Hassan heraus. Alex lächelte. Comics lagen ihm am Herzen. “Das würde ich gerne machen.”

Doch keine blöde Kuh?

Zur ersten Ausgabe der Zeitung hatten wir eine kleine Party in der Schule. Die Zeitung war sehr beliebt, vor allem wegen der Comics von Alex. Es waren ein paar Kinder auf uns zugekommen, die eigene Ideen hatten und auch mitmachen wollten. Nur ein Name für die Zeitung fiel uns nicht ein. Trotzdem war der Abend wunderbar. Herr Nowak und sein Mann hatten uns einen Kuchen gebacken und es gab Luftballons, Konfetti und Cola. Viele Lehrkräfte schauten vorbei und lobten unsere Idee. Wir waren sehr stolz auf uns.

Da bemerkte ich Frau Schmidt. Sie stand bei der Tür und guckte in den Raum. Für eine Erwachsene sah sie dieses Mal richtig schüchtern aus. Ich lief auf sie zu. „Hallo, Cleo! Schön sieht’s hier aus.“ “Toll, oder?” Plötzlich fiel mir ein: Bei dem ganzen Trubel rund um die Zeitung hatte ich mich gar nicht bei ihr entschuldigt.  

„Frau Schmidt, ich hätte sie nicht blöde Kuh nennen sollen. Das tut mir leid. Ich habe mich nur so geärgert.“ „Danke, Cleo. Das ist doch Schnee von gestern.“ Sie zwinkerte mir zu. „Und wo wir schon dabei sind: Ich wollte auch Entschuldigung sagen. Ich hätte mir Zeit für eure Probleme nehmen sollen. Ein Glück, hat Herr Nowak das gemacht. Eure Zeitung ist wundervoll geworden. Das ist eine richtige Mitmach-Zeitung.“

Ich strahlte. „Mitmach-Zeitung! Das hört sich total gut an, danke!” Aufgeregt rannte ich zu den anderen. Jetzt hatten wir sogar einen Namen für unser Projekt.

Ende

Deine Kinderrechte

Kinder haben ein Recht auf kindgerechte Medien – diese sollen gut für sie verständlich sein. Zu Medien zählen unter anderem Bücher, Zeitungen, Radio, Filme und auch Online-Inhalte. Durch Medien können sich Kinder informieren und sich eine eigene Meinung bilden. Kindgerecht bedeutet auch, dass sie altersgemäß sind und die Inhalte Kindern keine Angst machen.  

Kinder haben auch ein Recht auf Beteiligung. Das heißt, dass sie im Alltag und in der Schule ihre Meinung sagen können. Erwachsene sollen die Meinungen der Kinder ernst nehmen und sie auch berücksichtigen. In der Geschichte möchte Cleo eine Zeitung für Kinder gründen. Sie fordert, dass Kinder sich über Dinge informieren können und eine eigene Zeitung gestalten können.

Fragen zum Nachdenken

  • Bücher, Zeitungen, Fernsehen und das Internet – all das sind Medien. Welche Medien kennst du, die speziell für Kinder sind?  
  • Was macht Medien “kindgerecht”? Wie unterscheiden sich kindgerechte Medien von anderen Medien?
  • Als Frau Schmidt sie nicht ernst nimmt, wird Cleo wütend. Warst du schon mal in einer Situation, in der Erwachsene dich nicht ernst genommen haben? Was hast du gemacht?
  • Welche Mitmach-Projekte gibt es an deiner Schule?
  • Bei welchem Projekt würdest du gern mitmachen? 

Lust auf weitere Geschichten?

Deine Meinung

  • Ist super
    21
  • Ist lustig
    28
  • Ist okay
    20
  • Lässt mich staunen
    20
  • Macht mich traurig
    19
  • Macht mich wütend
    19

Eure Kommentare

Super Geschichte! 😄

Und toll, dass Cleo sich so für Gerechtigkeit einsetzt! 💖