Zeit zum Zeichnen
Zu laut
Zu Hause war es laut und in der Schule auch. Immer wollte jemand etwas. Immer wurde geredet. Immer schrie mein kleiner Bruder. Nur ich sagte nichts. Ich saß einfach da. Vor mir ein leeres Blatt, ein leeres Heft, ein leeres Notizbuch.
Abends war ich bei Hassan. Aus der Küche duftete es schon, denn seine Eltern kochten. Wir machten es uns auf Hassans Sitzsäcken bequem und ich gewann im Videospiel. Seit seine Schwester ausgezogen war, verbrachte Hassan viel Zeit in Aylas altem Zimmer. Es war groß und ruhig, mit einem Fenster Richtung Hof. Dort waren keine Straßen mit Autos, keine Menschengruppen und keine Läden. Da war nur ein alter Kastanienbaum. Seine Blätter warfen schöne Schatten ins Zimmer. „Wenn wir umziehen, will ich auch ein Zimmer wie dieses haben“, überlegte ich. Hassan sah verblüfft aus. „Aber dein Zimmer ist so cool! Mit deinem Baby-Bruder im Raum wird es doch nie langweilig. Und vor deinem Fenster auf der Straße ist auch immer was los!” Ich nickte bloß.
„Und, Alex? Was ist denn dein neuster Comic?“, wollte Hassan wissen. „Ähm … das sag ich dir noch nicht. Kannst du in der nächsten Schulzeitung nachblättern.“ Ich versuchte, so zu grinsen, dass ich geheimnisvoll und nicht verlegen aussah. In Wahrheit gab es den neuen Comic noch gar nicht. Seit Wochen hatte ich nichts mehr gezeichnet. Ich konnte es Hassan nicht gestehen. Er war schließlich der größte Fan meiner Comics. Da wollte ich ihn nicht enttäuschen.
Als ich nach Hause kam, drückte meine Mama mir Jakob in die Hand. „Pass doch mal kurz auf. Ich wollte noch putzen.“ Ich musste noch Hausaufgaben machen und ich wollte wirklich mal wieder einen Comic malen. Aber Mama sah erschöpft aus. Und eigentlich war Jakob gar nicht so übel, eigentlich mochte ich ihn ja. Mit seinen dicken Babybacken sah er wie eine kleine Schildkröte aus. Ich seufzte. „Klaro, Mama! Fang schon mal an.“ Zeichnen könnte ich auch wann anders. Vielleicht war später noch Zeit für Mathe. Als ich Jakob endlich wieder loswurde, brummte mein Kopf. Ich ging schlafen ohne Mathe und ohne neuen Comic.
Sich selbst helfen können
Freitag, Matheunterricht. „Alex, was ist die Antwort auf die zweite Frage?“ Ich wurde rot und blickte nach unten. Frau Müller kam auf mich zu. „Mensch, dein Heft ist ja leer. Hast du keine Hausaufgaben?“ „Ähm... ich...ähm”. Mein Herz schlug ganz schnell. „Natürlich hat Alex Hausaufgaben! Hier schauen sie. Die haben wir gemeinsam gemacht“, rief Cleo. Sie zeigte auf ihr eigenes Heft. Ich war so froh wie noch nie, dass Cleo und ich zusammensaßen. Frau Müller nickte und der Unterricht ging weiter.
Auf dem Weg in die Pause holte ich Cleo ein: „Danke! Du hast mich gerettet.“ Eigentlich log sie nicht gerne. „Das ist selbstverständlich. Ich merk doch, dass bei dir gerade etwas los ist. Und wie ich dich kenne, behältst du alles für dich.“ Cleo lächelte. Dann runzelte sie die Stirn. “Aber denke nicht, dass ich das immer für dich machen kann.” Ich sah zu, wie sie nach den richtigen Worten suchte. „Das soll gar nicht gemein klingen. Nur kann ich dir nicht immer helfen. Und … es ist wichtig, dass du dir auch selbst helfen kannst.“ „Ach Cleo, das ist Blödsinn. Bei mir ist alles in Ordnung. Ich war gestern Abend nur zu faul für Mathe.“ Cleo wollte noch etwas erwidern, doch ich winkte ab, grinste und ging davon.
Wir sahen uns erst wieder, als wir die Schulzeitung planten. Linh, Cleo und Hassan waren schon vor Ort, als ich gestresst in den Raum stürmte. „Da bist du ja, Alex! Wir wollten gerade deinen Comic besprechen. Der letzte kam fantastisch an“, begrüßte mich Herr Nowak herzlich. Mein Kunstlehrer half uns immer bei der Planung. Als er aber meine Miene sah, war auch sein Lächeln wie weggewischt. „Tut mir leid. Ich habe noch keinen.“ Ich wollte mich noch mal entschuldigen. Da klingelte mein Handy. „Alex, ich muss länger im Büro bleiben. Kannst du dich bitte, bitte um Jakob kümmern? Ich weiß, du hast deine Zeitungs-AG, aber ich konnte niemanden so spontan auftreiben. Und ihr zwei werdet sicher Spaß haben.“ Ich seufzte. „Schon okay, Mama. Ich geh dann gleich los.“ Schnell erklärte ich, dass es mit den Comics gerade schlecht aussah. Ich würde es vielleicht nicht mal bis zum Ende der Woche schaffen. Cleo sah genervt aus und wollte sich beschweren. Ihr war die Zeitung besonders wichtig. Aber Linh mahnte sie mit einem strengen Blick und drehte sich zu mir: „Ist schon okay, Alex. Das kann jedem mal passieren.“ Da nickte auch Cleo.
Unser Umzug
Ich brauchte noch einige Tage zum Nachdenken. Und dann kam ich zum Schluss: Cleo hatte bei unserem Gespräch nach Mathe recht gehabt. Momentan war mir alles zu viel, vor allem mit meinem Bruder. Das Schlimmste: Niemand konnte mir helfen, wenn ich es niemandem erzählte. Bloß war Erzählen nicht meine Stärke. Ich wollte meine Mutter nicht stressen, indem ich mich beschwerte. Ich wollte eigentlich nur, dass alle zufrieden waren, so ganz ohne Streit oder Diskutieren. Endlich erzählte ich es Hassan. Er gab mir zu denken: „Du willst, dass jeder glücklich ist. Dann musst du aber bei dir selbst anfangen.“ “Aber wo genau?”, fragte ich. „Wie wär’s mit dem Zimmer? Vielleicht fühlst du dich besser, wenn du einen eigenen ruhigen Ort hast.“ Ich schaute aus Hassans Fenster auf den schönen Kastanienbaum. Und nickte. Vielleicht wäre das ein Anfang.
Zu Hause drehte sich alles um den Umzug. Mama hatte eine Wohnung besonders ins Auge gefasst. „Alex, guck mal. In dem Zimmer kannst du dann mit Jakob schlafen. Wenn er größer ist, hole ich euch ein Hochbett. Wir drei werden es richtig schön haben.“ “Ja, die Wohnung ist schön”, antwortete ich automatisch. Dann fasste ich mir ein Herz. „Aber ich glaube, ich hätte lieber ein eigenes Zimmer.“ Meine Mutter sah mich verwirrt an. “Ich dachte, du magst Jakob so sehr?” „Ja, tue ich auch. Aber ich brauche auch mal Zeit nur für mich und ich möchte Privatsphäre. Das mit Jakob wird mir manchmal zu viel. Ich komme gar nicht mehr zum Zeichnen.“ „Das wusste ich gar nicht“, meinte Mama. “Ein Glück, sagst du mir Bescheid.” Sie nahm mich in den Arm.
Da platzte es aus mir heraus: „Mama, ich weiß nicht, was ich machen soll. Alles ist so laut und ich kann mich nie so wirklich konzentrieren. Ich habe das Gefühl, ich kriege gar nichts mehr hin.“ Mama wirkte traurig. “Ich wünschte, du hättest mir das schon eher erzählt”, sagte sie. Doch dann lächelte sie. Es war Mamas klassisches „Wir-schmieden-einen-Plan“-Lächeln.
So sah der Plan aus: Beim Umzug wollte Mama darauf achten, dass ich ein eigenes Zimmer bekam. Eins, das schön ruhig war. Deshalb entschied sie, dass sie sich selbst das Zimmer mit Jakob teilen werde. Beim Babysitten mussten wir noch eine Lösung finden. Aber ich freute mich über den Anfang. Und schließlich sollte ich ihr versprechen, ab jetzt direkt zu sagen, wenn mir etwas zu viel wurde.
Der Comic
“Und, wie lief’s?”, fragte Hassan kurz darauf. Ich konnte immer noch nicht glauben, wie leicht das alles funktioniert hatte. Ich nickte Hassan anerkennend zu. “Du hattest recht.” “Merk dir eins, Alex”, Hassan sah mich verschwörerisch an. „Ich habe immer recht. Und ich habe auch noch eine Idee.“ „Bis ihr umgezogen seid, kannst du gerne öfter zu mir kommen. Auch einfach, wenn du mal Ruhe haben willst. Ich habe Platz genug.“ Da umarmte ich ihn fest. „Du bist der allerbeste Freund der Welt.“
Ich nahm Hassan beim Wort. Ich hatte nämlich einen Plan, für den ich Stille brauchte. Hassan räumte mir einen Schreibtisch frei und ließ mich kurz allein. Ich suchte meinen Kopf nach der gewohnten Unruhe ab. Alles war still. Das Denken fiel mir leicht und ich wurde mutig. Mit einem Stift in der Hand setzte ich mich an den hin. Das erste Mal seit langer Zeit malte ich. Ich hatte die Farben schon vermisst und die Bilder, die entstanden. Zuerst in meinem Kopf, dann auf dem Papier. Vor Freude musste ich richtig lachen.
Schnell rannte ich zur Schule. Ich erwischte Herrn Nowak noch knapp, bevor er nach Hause fuhr. “Ich ... ich...”, Ich war ganz schön außer Atem. “Ich habe noch etwas für die Zeitung.” Herr Nowak zog die Augenbrauen hoch. “Ich dachte, dieses Mal gibt's keinen Comic.” “Das dachte ich auch.” Ich griff stolz in meine Tasche und holte Papier hervor. “Aber ich hab’s noch geschafft.”
Riesige Zufälle
Diese Ausgabe hatte die Schulzeitung einen besonders langen Comic. Keinen Comicstreifen, sondern eine ganze, richtige Seite. Wie in einem Comicbuch! Der Superhelden-Hauptcharakter steckte ganz schön in der Patsche. Zum Glück gab es sein dreiköpfiges Super-Team. Sie waren verständnisvoll, geduldig und smart. Mit ihren supercoolen Superkräften halfen sie ihm, sich selbst zu helfen.
Hassan freute sich riesig über den Comic. „Verrückt, Alex! Du hast es echt drauf!” Er gab mir ein High Five. Da schlenderte Linh vorbei. „Wisst ihr, was auch verrückt ist? Das Super-Team sieht ein bisschen aus wie wir.“ Wir alle beugten uns über den Comic. Linhs Dutts, Cleos Sommersprossen, Hassans Brille und mein Kapuzenpulli waren klar erkennbar. Trotzdem sagte ich nur: „Mensch, Linh … Manchmal gibt es auch riesige Zufälle.“
Ende
Deine Kinderrechte
Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre. Sie dürfen Geheimnisse haben, aber auch einen Rückzugsort. In der Geschichte fehlt Alex der geschützte Raum, den er für sich braucht, da er sich ein Zimmer mit seinem kleinen Bruder teilen muss.
Kinder haben ein Recht auf freie Zeit, über die sie bestimmen dürfen. Sie sollen nicht immer nur Aufgaben haben. In ihrer Freizeit können Kinder spielen, kreativ sein oder sich ausruhen. In der Geschichte muss sich Alex oft um seinen Bruder kümmern. Ihm fehlen die Ruhezeiten, um kreativ zu sein und sich auf die Schule gut vorbereiten zu können. Dadurch wird auch sein Recht auf Bildung beeinträchtigt: Er hat zu wenig Zeit zum Lernen.
Das Recht auf Schutz ist in der Geschichte ein weiteres wichtiges Thema: Kinder haben das Recht, behütet aufzuwachsen und betreut zu werden. Sie sollen nicht zu viel Verantwortung tragen müssen.
Fragen zum Nachdenken
- Für jeden sieht Erholung anders aus. Was ist dir wichtig, damit du dich erholen kannst?
- Findest du, du hast genug Ruhe? (zu Hause, in der Schule etc. …)
- Alex fällt es schwer, für sich selbst einzustehen. Warum ist das aber wichtig?
- Was hilft dir dabei, über deine Wünsche und Sorgen zu reden?
- Kannst du es gut ansprechen, wenn dich etwas stört?